Zwei Glencairn-Gläser mit dem gleichen Whisky - und doch schmecken die Proben unterschiedlich? Das ist gar nicht mal so ungewöhnlich (Foto: Alkoblog)
Zwei Glencairn-Gläser mit dem gleichen Whisky – und doch schmecken die Proben unterschiedlich? Das ist gar nicht mal so ungewöhnlich (Foto: Alkoblog)

Hallo ihr beiden,

ich bin auch ein Freund von gutem Malt Whisky.

Bei verschiedenen Tastings haben wir festgestellt, dass der gleiche Whisky im gleichen Glas unterschiedlich riecht und damit auch unterschiedlich schmeckt. Wir machen immer mal wieder ein „cross nosing“ und stellen das immer wieder fest.

Habt ihr das auch schon festgestellt und eine Idee, wie das sein kann?

Viele Grüße aus Schleswig-Holstein
Stefan

Hallo Stefan,

zuerst würde man sich bei dieser Ausgangslage vielleicht wundern: Wie kann ein identischer Whisky aus zwei identischen Nosinggläsern unterschiedlich riechen und schmecken? Und doch haben wir bei unseren Tastings bereits dasselbe Phänomen bemerkt. Da roch zum Beispiel die eine Probe nach Puderzucker, die andere hingegen eher nach gebranntem Karamell. Der gleiche Whisky, die gleichen Glencairn-Gläser und doch unterschiedliche Aromen – ein Mysterium!

Natürlich ist die Abweichung häufig nicht extrem. Es ist jetzt nicht so, dass der eine Whisky total rauchig schmeckt und der andere überhaupt nicht. Aber feinen Unterschiede sind im Geschmack auch bei gleichen Gläsern dennoch da und es ist daher eine Überlegung wert, woher sie rühren können.

Wir haben über die Zeit einige Theorien hierzu entwickelt:

  1. Theorie: Der Whisky erwärmt sich unterschiedlich schnell in den Gläsern. Üblicherweise läuft ein Nosing ja so ab, dass man den Whisky im Glas immer wieder an die Nase hebt, um die Aromen zu erkennen. Dabei überträgt sich die Handwärme auf das Glas, es lösen sich andere Noten aus dem Whisky. Einige Menschen haben von Natur aus eher warme Hände, während andere auch mit Anhauchen das kalte Gefühl kaum wegbekommen. Um diesen Effekt zu verhindern, müsste man ein „Nosing ohne Anfassen“ durchführen – nicht gerade praktikabel. Auch wenn es sicher lustig aussieht, wenn sich alle über die Tischkante beugen, um am Malt zu schnuppern… Hier haben wir schon mal über den Einfluss der Temperatur auf den Whisky-Geschmack geschrieben (Fazit: Experimentieren lohnt sich).
  2. Theorie: Der Whisky in dem einen Glas wurde stärker bewegt als in dem anderen. Es gibt in der Whiskywelt schon lange eine Kontroverse darüber, ob man Single Malts im Glas nun schwenken sollte oder nicht. Unser Eindruck ist, dass sich durch das Schwenken vor allem verstärkt Alkoholpartikel lösen und aufsteigen. Diese verändern den Geruch des Whiskys deutlich. Wenn nun ein Taster das Glas gewohnheitsmäßig schwenkt und der andere es still in der Hand hält, kann das schon einen Unterschied machen.
  3. Theorie: Einer der beiden Whiskys konnte länger atmen. Gerade bei einem größeren Tasting mit vielen Gläsern spielt der zeitliche Abstand zwischen dem Einschenken der ersten und der letzten Gläser eine Rolle. Der anfangs eingeschenkte Whisky hatte vielleicht schon mehr Zeit mit dem Sauerstoff zu interagieren und sich zu entfalten, als der frisch nachgegossene Tropfen. Natürlich sind auch hier die Unterschiede nicht groß, aber doch zu erkennen. Grundsätzlich sollte man einem Whisky aus einer frisch geöffneten Flasche unserer Erfahrung nach lieber etwas mehr Zeit geben, um sich zu entfalten. So mancher Malt war direkt nach dem Entkorken enttäuschend und hat dann später deutlich aufgeholt…

So richtig erforscht ist das beschriebene Phänomen dadurch natürlich noch nicht. Aber es liegt doch der Schluss nahe, dass Temperatur und Luft einen spürbaren Einfluss auf einen Whisky haben. Und zwar immerhin so deutlich, dass selbst bei vermeintlich identischen Tasting-Bedingungen kleine Unterschiede in Geruch und Geschmack auftreten. Häufig verflüchtigen diese sich auch nach einer gewissen Zeit und die beiden Proben erscheinen wieder identisch.

Wir sind bei gemeinsamen Verkostungen mittlerweile dazu übergegangen, immer abwechselnd auch noch mal am Glas des anderen zu riechen und so abzugleichen, ob ein Whisky sich unterschiedlich entfaltet hat. Dieses von dir beschriebene „cross nosing“ ist sicher eine gute Methode um zu verhindern, dass man bei einem Single Malt völlig „aneinander vorbei riecht“.

In diesem Sinne: Bleib immer schön flüssig!

Deine Alkoblogger
Lukas & Samuel

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