Da röhrt der Hirsch: Glen Orchy 5 Jahre Blended Malt im Test (Foto: Alkoblog)
Da röhrt der Hirsch: Glen Orchy 5 Jahre Blended Malt im Test (Foto: Alkoblog)

Als ich heute meinen vollbeladenen Einkaufswagen durch den LIDL schob, fiel mein Blick im Regal auf einen neuen Whisky: Glen Orchy Blended Malt. Normalerweise bin ich bei Spirituosen aus dem Discounter erst einmal skeptisch. Häufig gibt es für kleines Geld eben auch nur kleine Qualität. Andererseits ging mit Queen Margot bereits ein Scotch Blend von LIDL als Sieger in unserem letzten Discounter-Whisky-Test hervor. Und die Eckdaten des Glen Orchy klingen überaus vielversprechend: Der LIDL-Whisky besteht aus verschiedenen Single Malts, wurde 5 Jahre im Holzfass gelagert und hat sogar ein Sherryfass-Finish. Und das alles für nur 9,99 Euro. Ich zögerte keine Sekunde und griff zu. Doch wie gut ist der Glen Orchy wirklich?

In Großbritannien sind die Whiskys von Aldi und LIDL schon länger ein Thema. Auf der Insel haben die beiden deutschen Discounter eine abwechslungsreichere Whisky-Auswahl als hierzulande. Die günstigen Single Malts und Blends werden in der Fachpresse gelobt, sie gewinnen immer wieder sogar Awards, vor allem aber überzeugen sie mit einem deutlich besseren Preis-Leistungsverhältnis als etablierte Marken. Auch den Glen Orchy gibt es in britischen LIDL-Filialen schon länger, wie dieser Testbericht bei den Kollegen von Malt-Review.com belegt.

Gemeinsam ist diesen Abfüllungen, dass sie schottisch klingende Namen tragen, die aber zu keiner bestimmten Destillerie gehören. So war es schon bei Glen Alba und Ben Bracken, die LIDL in mehreren Altersstufen seit letztem Herbst in seinem Onlineshop verkauft. Und so ist es auch beim neuen Glen Orchy 5 Jahre – nur dass der keine Aktionsware ist, sondern neben Queen Margot und Western Gold Bourbon ganz regulär (und somit vermutlich dauerhaft) im Regal zu finden ist.

Was steckt drin, wo Glen Orchy draufsteht?

Die dreieckige Flasche und der Hirsch auf dem Etikett lassen uns beim Anblick des Glen Orchy Blended Malt sofort an Glenfiddich denken. Doch die beliebte Speyside-Destillerie steckt trotz gewisser Ähnlichkeiten im Design nicht hinter dem neuen LIDL-Whisky.

Auf der Rückseite der Flasche ist als Hersteller des Glen Orchy eine Firma namens Clydesdale Scotch Whisky Co. in Glasgow angegeben. Wer „Clydesdale“ googelt, bekommt allerdings nur eine kaltblütige Pferderasse zu sehen. Erst die Suche zusammen mit der Postleitzahl führt zum Ergebnis: Die Clydesdale Scotch Whisky Co. gehört zu Whyte & Mackay. Das Unternehmen ist seit 2014 im Besitz des philippinischen Spirituosenkonzerns Emperador Distillers und betreibt die bekannten Whisky-Destillerien Dalmore, Fettercairn, Tamnavulin und Jura. Auch die Blends unter dem Firmennamen Whyte & Mackay sind Kennern ein Begriff. Der neue LIDL-Whisky stammt also nicht aus irgendeiner Hinterhof-Klitsche, sondern von einem Unternehmen, das schon seit vielen Jahren im schottischen Whisky-Geschäft ist.

Es liegt eigentlich nahe, dass der Glen Orchy Blended Malt vor allem aus Whiskys dieser Destillerien besteht. Doch so ganz will das Portfolio nicht zu den Regionsangaben auf der Flasche passen: Dalmore und Fettercairn sind beides Highland-Destillerien, Tamnavulin liegt in der Speyside und Jura nicht auf Islay. Entweder hier wird getrickst – und zum Beispiel Jura ganz einfach der „Whiskygegend“ Islay zugeschlagen – oder Whyte & Mackay hat noch ein paar andere Single Malts für den Glen Orchy 5 Jahre eingekauft und sie dann mit den eigenen Marken gemischt.

Glen Orchy enthält Single Malts verschiedener Destillerien

Eines steht beim Glen Orchy 5 Jahre hingegen fest: Er enthält anders als LIDLs Queen Margot Scotch im Regalplatz nebenan keinen Grain Whisky. Es handelt sich bei ihm nämlich um einen Blended Malt (Vatted Malt oder Pure Malt wären andere mögliche Bezeichnungen), also eine Mischung aus mehreren schottischen Single Malt Whiskys unterschiedlicher Destillerien.

Die dreieckige Flasche des Glen Orchy Blended Malt Whisky mit Hirsch weckt Assoziationen an Glenfiddich (Foto: Alkoblog)
Die dreieckige Flasche des Glen Orchy Blended Malt Whisky mit Hirsch weckt Assoziationen an Glenfiddich (Foto: Alkoblog)

Steht hingegen nur „Scotch Whisky“ ohne weitere Ergänzungen auf der Flasche, dann ist praktisch immer auch Grain Whisky in der Mischung. Dieser neutral schmeckende Alkohol ist am ehesten mit einem Korn oder Vodka vergleichbar und wird nicht in Brennblasen, sondern im günstigeren Säulendestillationsverfahren hergestellt. Er bringt anders als die Single Malts kaum eigenen Geschmack in den Blend. Viele günstige Scotch Blends enthalten große Mengen Grain Whisky, teilweise sollen es bis zu 70 % sein. Das spart Kosten bei der Herstellung, geht aber zu Lasten des Geschmacks. In unserem Guide erfahrt ihr mehr zu den verschiedenen Whisky-Sorten.

5 Jahre im Holzfass und ein Sherry-Finish für 10 Euro

Umso erstaunlicher, dass LIDL es geschafft hat, den Glen Orchy als Blended Malt für nur 10 Euro ins Regal zu bringen. Und nicht nur das: Die Whiskys aus den genannten vier Regionen bekamen sogar noch ein Sherryfass-Finish spendiert. Nun weiß man natürlich nicht für wie lange und wie häufig die Fässer davor schon befüllt wurden, aber dennoch ist es natürlich erst mal eine Ansage.

Gut gefällt uns auch, dass der Discounter den Mut gehabt hat, ein Age Statement auf die Flasche zu drucken. Ja der Glen Orchy ist nur 5 Jahre alt (beziehungsweise der jüngste enthaltene Whisky). Aber auf vielen anderen Blends steht gar kein Alter – das Minimum sind dann nur die gesetzlich vorgeschriebenen 3 Jahre im Holzfass. Man kriegt also schon mal zwei Jahre Reifezeit mehr beim neuen LIDL-Whisky.

Doch natürlich nützen all die schönen Fakten nichts, wenn der Whisky am Ende nicht gut schmeckt. Deshalb öffnen wir jetzt gespannt mit einem lauten Knacken den Schraubverschluss des Glen Orchy und schenken uns das erste Dram ein.

Unser Tasting des Glen Orchy Blended Malt Scotch Whisky

Wie riecht er?

Der Glen Orchy verströhmt einen leichten Duft, der an einen Spätsommertag erinnert. Heuballen auf einer Wiese. Reife Äpfel am Baum. Etwas Käsekuchen auf der Veranda. Dazu eine Spur Zitronengras und eine buttrige Note. Hinten etwas säuerlich. Die Aromen wehen eher dünn wie aus weiter Ferne herüber. Alles in allem riecht der Glen Orchy aber nicht unangenehm, sondern recht weich und tatsächlich nach Malt Whisky und nicht nach klarem Alkohol.

Wie schmeckt er?

Anfangs liegen die Aromen des LIDL-Whiskys sehr kompakt. Es hilft, wenn man den Glen Orchy ein paar Minuten an der Luft atmen lässt. Dann öffnet er sich langsam und gibt das bittere Aroma von Grapefruitschalen frei. Der Geschmack im Mittelteil hat etwas Öliges und Teeriges und erinnert an die schweren Noten mancher Campbelltown-Whiskys. Auch eine Spur kalter Kaffee ist zu erkennen. Der Blended Malt verabschiedet sich etwas kurz angebunden mit einer Prise Pfeffer und bleibt als trockener Nachhall mit einer Spur jungem Eichenholz auf der Zunge zurück. Vom Finish im Sherry Cask ist trotz der Angabe auf dem Etikett wenig zu schmecken.

Glen Orchy 5 Jahre Blended Malt
Gestaltung & Story70
Geruch58
Geschmack56
Preis-Leistung100
71
Preis-Tipp
Fazit
Was LIDL hier für 10 Euro in die Flasche gebracht hat, kann sich wirklich sehen lassen. Natürlich darf man in dieser Preislage keinen wirklich guten oder komplexen Whisky erwarten. Aber der Glen Orchy 5 Jahre ist besser als die meisten ähnlich teuren Scotch Blends. Der Verzicht auf Grain Whisky äußert sich in einem deutlich runderen Geschmack. Viele Aromen gibt es zwar nicht zu entdecken, aber man kann Glen Orchy tatsächlich pur trinken ohne dass er übel brennt oder fuselig schmeckt. Wer seinen Scotch gerne gemischt genießt, kann ohnehin zuschlagen.

4 Kommentare

  1. Ein wirklich cooles Review mit vielen Infos und sympathischer Herangehensweise. Ich persönlich freue mich immer, wenn auch ganz einfache, günstige Whiskys eine faire Behandlung in der Onlinewelt bekommen. Oftmals wird ja alles pauschal abgetan, was nicht mindestens ein 15-jähriger Single-Cask-Release im hohen zweistelligen Preissegment ist. Toll, dass ihr hin und wieder auch mal beim Discounter ins Regal und in die Flasche schaut, ohne voreingenommen zu sein! 🙂

    1. Danke vielmals für das schöne Lob! Wir schauen gerne weiterhin auch im Supermarkt oder Discounter, was es dort an interessanten Spirituosen in den Regalen gibt. Es ist schließlich nicht wichtig, wo ein Whisky verkauft wird, solange die Qualität (gekoppelt natürlich mit der Preis-Leistung) stimmt. Und der Glen Orchy ist aus unserer Sicht und gerade zu diesem Preis definitiv einen Blick wert.

      Viele Grüße
      Lukas

  2. Habe mir heute eine Flasche Glen Orchy gekauft,da es diesen Whisky erst seit kurzem im italienischen Lidl gibt ist er mir im Regal gleich aufgefallen, um 8,49 dachte ich mir könnte ich es riskieren.
    Ich kenne viele von den niedrigpreisigen Whiskies und ich konnte bis jetzt jeden pur geniessen,auch den nicht so gelobten Clarkes Bourbon von Aldi/Hofer.

    Leider konnte ich keine bzw. wenige der von ihnen genannten Aromen entdecken,denn bei mir überwiegt der Alkoholgeruch und Geschmack,ein ziemlich fieser den man von sehr minderwertigen Grappas kennt und der einem irgendwie am runterschlucken hindern will..

    Ich dachte zuerst es lag an der Temperatur,in meinem Glencairnglas habe ich ihn angewärmt und es änderte sich wenig,der billige aufdringliche Alkohol und eich ein paar Tropfen Wasser konnten nicht helfen

    Abends gab ich ihn eine zweite und lies ihn ordentlich atmen aber nein er schmeckt mir leider überhaupt nicht pur und es war der erste Whisky den ich wegschüttete..
    Leider kann ich ihn selber überhaupt nicht empfehlen es sei denn jemand mag ihn mit Cola.
    Selber trinke ich nur pur und deswegen wird die Flasche verschenkt.

    Ich glaube dass es leichter ist einen günstigen Bourbon zu finden als einen passablen Scotch.
    Den die günstigen Bourbons die ich kenne hatten noch nie diesen Effekt bei mir und man findet leichter einen guten günstigen wie Four Roses,Jim beam rye oder Bulleit..

    Meine Lieblinge aber bleiben die Whiskys in der Mittelklasse wie Laphroiag quarter cask,Talisker 10 oder bei den Bourbons Bulleit und Jim beam Rye.

    Trotzdem bin ich immer auf der Suche nach den ultimativen Preisknaller der pur gut geniessbar ist.
    Eventuell könnt ihr mal eine Top 5 machen. =)

    Finde es gut dass ihr bei Alkoblog auch die unteren Preisklasse probiert. Leider stimmt mein Geschmack mit euren Test wenig überrein,meistens schmecken mir die was bei eucht eine wenig gutebewertung kriegen,klingt komisch is aber so! =) das liegt daran dass es Geschmacksache ist und bleibt.

    Grüsse Manuel

    1. Hallo Manuel,

      danke für deine Einschätzung zum Glen Orchy von Lidl. Es ist wie du schon schreibst natürlich immer etwas Geschmackssache, ob einem eine Marke zusagt oder nicht. Und muss man auch den Preisunterschied im Blick behalten: Der Glen Orchy 5 Jahre geht für 10 Euro über die Theke, bei Laphroaig Quarter Cask oder Talisker 10 Jahre bist du schon mit 30 Euro dabei.
      Amerikanische Bourbons oder Rye Whiskeys sind in für preisbewusste Genießer definitiv eine Empfehlung wert. Man kriegt gute Qualitäten für vergleichsweise kleines Geld: Hast du zum Beispiel den Jim Beam Double Oak schon mal probiert? Schön strukturierte Aromen, ordentlich Holz mit drin und für rund 20 Euro sein Geld wert. Einfach ein gutes Upgrade zum berühmt-berüchtigten White Label von Jim Beam und der Beleg, dass die auch richtig gute Bourbons herstellen können. Empfehlen können wir auch den Four Roses Single Barrel. Jede Flasche wird nach einem von zehn Rezepten hergestellt und schmeckt etwas anders. Schön würzige und intensive Aromen des Holzfasses und für 30 Euro eine Flasche, die man gut in der Heimbar stehen haben kann.

      Schreib gerne mal, wenn du einen der beiden Whiskeys probiert hast oder selber noch Tipps für Gut-und-günstig-Whiskys hast. Wir sind gespannt, ob wir diesmal deinen Geschmack getroffen haben!

      Viele Grüße
      Lukas vom Alkoblog

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