Whisky

Veröffentlicht am 18. März 2016 | Foto: Alkoblog

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Das Age-Experiment: Whisky zuhause nachreifen mit Mooreiche

Aus einem durchschnittlichen 12-jährigen Single Malt in ein paar Tagen einen exquisiten 18 Jahre alten Whisky machen? Mit schön kräftigen Holzaromen? Es klingt wie ein Traum für Genießer. Möglich machen soll es ein kleines Stück Holz, welches in den Whisky eingelegt wird. Wir wollten uns nicht auf Werbeversprechen oder Hörensagen verlassen und haben deshalb den Test gemacht.

Ein Stück über 1000 Jahre alte Mooreiche

Der Onlineshop Whiskytempel.de stellt uns freundlicherweise ein exklusives Exemplar seines „Paul Moore“-Sticks zur Verfügung. Das Set besteht aus einer Glaskaraffe und einem kleineren Glasröhrchen mit einem Stück gerollter Mooreiche. Es kostet mit Versand immerhin rund 26 Euro, wobei der Stick in abnehmender Intensität allerdings mehrfach verwendet werden kann. Die Gebrauchsanweisung ist kurz und eindeutig: Die Mooreichenrolle wird einfach in die Karaffe gegeben und diese dann mit Whisky gefüllt. Dann soll die Nachreifung beginnen.

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Eine Rolle Holz: So wird der Mooreichen-Aging-Stick beworben

Die erste Frage: Welchen Whisky sollte ich überhaupt nachreifen? Ein vorzüglicher Single Malt, mit dem ich komplett zufrieden bin, kommt natürlich nicht in Frage. Die Nachreifung ist eher etwas für Flaschen, welche die Erwartungen verfehlt haben. B-Whiskys sozusagen. Vielleicht hat man blind den Tasting Notes auf dem Etikett vertraut, sich mehr vom Geschmack erhofft oder findet aus anderem Grund den Whisky nicht rund bzw. reif. In diesem Fall soll der Nachreifungs-Stick helfen – und das begonnene Werk des Brennmeisters gewissermaßen vollenden. Und vermutlich hat tatsächlich jeder Genießer die eine oder andere Flasche im Schrank, die noch etwas besser sein könnte.

Unser Test: Wir altern den Glenfiddich 12 Jahre nach

Für unser Age-Experiment haben wir uns für den allgegenwärtigen Glenfiddich 12 Jahre entschieden. Für 20-25 Euro zu haben, ein solider Speyside-Whisky für Einsteiger mit frischen Früchten (Apfel, Birne) im Geschmack und etwas Eichenholz hinten. Nicht sonderlich komplex, aber definitiv ein Whisky, dem etwas Reife gut tun würde. Und die soll er jetzt bekommen!

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Versuchsaufbau mit Glenfiddich 12, Karaffe und Mooreichenstengel

Glenfiddich in die Karaffe, Mooreichenrolle dazu. Und dann warten. Schon am nächsten Tag meinen wir eine kleine Veränderung zu bemerken: Ist der Whisky jetzt nicht einen Tick dunkler? Dieser Eindruck setzt sich über die nächsten Tage fort. Die Eichenholzrolle, die zunächst noch auf dem Whisky schwamm, sinkt zu Boden und verfärbt sich schwarz. Und auch der Whisky bekommt kräftig Farbe. Vom Fahlgelb des Glenfiddich 12 verwandelt sich der Ton in Richtung Kupfer. Der Single Malt hat also mit der Mooreiche reagiert.

Nur hat das auch etwas mit seinem Geschmack gemacht? Und vor allem etwas gutes?

10 Tage nachreifen? Das ist uns zu wenig…

Auf der Seite von Whiskytempel wird eine Lagerung von bis zu 10 Tagen getestet. Doch das ist uns zu wenig. Außerdem haben wir gerade viel mit anderen Themen zu tun. Die Karaffe bleibt auf dem Schreibtisch stehen und der Whisky reift weiter. Nach etwa drei Wochen bleibt die Farbe stabil. Ein satter, dunkler Kupferton – und ohne, dass wir mit Zuckerkulör färbend nachgeholfen hätten. Wir warten geduldig weiter. „Was kann schon passieren?“, sagen wir uns und lassen den Glenfiddich 12 weiter am mittlerweile pechschwarzen Mooreichenholz schnüffeln. Sorgen um die Hygiene muss man sich bei einer Spirituose mit 40 % Alkoholgehalt wohl keine machen und die Mooreichenröllchen sahen auch sehr sauber aus.

Und dann ist es soweit: Heute, gut zwei Monate nach Befüllen der Flasche wollen wir es wissen. Wir lösen den Korken mit einem satten Ploppen und schenken unseren ersten nachgereiften Whisky ein. Wie alt ist er geworden?

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Das Resultat: Ein satter Kupferton

Unser Tasting des Glenfiddich 12 nach 60 Tagen Aging-Kur

Wie riecht er?

Ein volles und rundes Aroma entströmt dem Glas. Kein Vergleich zu dem jungen, frisch-fruchtigen Glenfiddich-Duft von vorher. Ich rieche eine zuckrig-karamellige Note, die nahtlos in Pflaume und Bratapfel übergeht. Hinten tritt das Holz stärker hervor. Der Geruch ist insgesamt dunkler und tiefer, aber nicht unbedingt viel komplexer. Dennoch: Wenn ich diesen Tropfen beim Blind Tasting ins Glas bekäme, ich würde ihn locker auf 16-20 Jahre schätzen. Nur hinten kitzelt der Alkohol etwas. Ein verräterisches Zeichen dafür, dass wir mit dem Holzstick beim Aging nur getrickst haben?

Wie schmeckt er?

Oh wow, kein Vergleich: Das hier ist ein ganz anderer Whisky. Der schüchterne Geschmack des Glenfiddich ist einer breiten Kaskade aus reifem Holz gewichen. Diese Eichenholznoten prägen den gesamten Geschmack des Malts. Nur punktuell kommen die fruchtigen Akzente des Glenfiddich in Form der süßen Birne und dem feinsauren Apfel noch durch. Der Abgang ist holzig, aber auch etwas zu kurz für einen wirklich alten Whisky. Nur das Holzaroma bleibt lange im Munde zurück. Auch hier gilt: Der Geschmack ist nicht komplexer oder vielschichtiger geworden, aber der Malt hat sich trotzdem komplett verwandelt. Kaum jemand würde diesen Tropfen im Blind Tasting noch als Glenfiddich 12 erkennen. Und ungeachtet der Anzeichen des jüngeren Alters, die zuweilen durchblitzen, würde man die Altersschätzung wohl höher ansetzen.

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Eine richtige Lagerung im Fass können die Aging-Stäbchen nicht ersetzen (Foto: Alkoblog)

Die Vorteile und Grenzen der Nachreifung von Whisky

Kann sein, dass 60 Tage Whisky-Nachreifung für unseren schmalbrüstigen Glenfiddich schon etwas viel waren. Vom ursprünglichen Geschmack ist nicht viel übrig geblieben – aber schlechter geworden ist der Speysider durch das Experiment auch nicht. Im Gegenteil: Wer intensive Holzaromen schätzt, kann sich diese mit einem Holzstick wie dem „Paul Moore“ in wenigen Tagen in den Whisky bringen. Dabei würden wir empfehlen, lieber mehrere Versuche mit kleineren Mengen anzusetzen und regelmäßig zu verkosten, ob einem der Geschmack schon zusagt.

Natürlich stellt sich die Frage, ob das Nachreifen von Whisky überhaupt nötig ist: Ein guter Malt steht doch eigentlich für sich und trägt die Kunstfertigkeit des Master Distillers in sich. Sollte man so etwas überhaupt noch verändern und einen Whisky mit derartigen Tricks verbessern wollen? Greifen wir dadurch nicht in ein bestehendes Kunstwerk ein?

Auf der anderen Seite haben wir den Whisky gekauft: Es steht uns frei ihn mit Eis zu mischen, ihn mit Cola zu panschen oder Holzstücke hineinzuwerfen. Es ist nur ein (wenn auch sehr kostbares) Getränk und wir können es genießen, wie wir möchten. 

Zwischen diesen beiden Spannungsfeldern bewegt sich die Nachreifung und wird sicher noch für Diskussionen sorgen, wenn womöglich bald mehr Genießer dazu übergehen, ihr Destillat nachträglich zu „tunen“ und ihm eine individuelle Note zu verleihen.

Klar ist aber auch: Eine Quicky-Lagerung mit Holzstücken kann eine echte Reifung über mehrere Jahre im Eichenholzfass nicht ersetzen. Wir basteln an dieser Stelle am Finish, geben dem Single Malt einen neuen Anstrich und hoffen, dass wir aus einem mittelmäßigen Malt vielleicht eine trinkbare Perle zaubern können. Manchmal mit Erfolg.

Was haltet Ihr von der Whisky-Nachreifung? Habt Ihr eigene Erfahrungen gesammelt? Wir freuen uns auf Eure Kommentare!


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4 Responses to Das Age-Experiment: Whisky zuhause nachreifen mit Mooreiche

  1. Christoph says:

    Bei dem Preis von dem Stück Holz würde ich mir lieber eine neue Flasche Whisky kaufen – also incl. dem Glenfiddichpreis.

    Ansonsten ist „nicht leckerer Whisky“ oft was für andere Genieser.

  2. didi says:

    Man(n) kann ja auch, wenn schon gepanscht wird,ordentlich Zucker reinschütten.Dann kommt vielleicht Whiskylikör dabei raus! Mal darüber nachdenken!

  3. Volker says:

    Eine Ergänzung noch…Das Alter der verwendeten Mooreiche wurde zwischenzeitlich vom Max Planck Institut für Bio-Geo Chemie in Jena auf 6850 Jahre datiert. Damit ist das verwendete Holz über 2000 Jahre älter als die Ägyptischen Pyramiden. Es gibt auch noch eine gräucherte Variante. Das Alter sagt noch nichts über den Geschmack aus. Dennoch gibt es dem Tropfen noch einen prähistorischen Charme finde ich. In jedem Fall entsteht so ein einzigartiger Tropfen 🙂

  4. Max says:

    Wir haben es mit einem Discount-Bourbon und Sticks eines anderen Anbieters ausprobiert- Die Packung enthielt zwei rechteckige Sticks mit kammartiger Struktur zwecks Oberflächenvergrößerung.

    Es funktioniert. Der Geschmack wandelte sich spürbar in samtiger, weicher, Abgang mit schöner Holznote als das Original. Man könnte sagen, er schmeckte höherwertiger.

    Läßt man den Stick allerdings länger in der Flasche, wandelt sich der Geschmack weiter, was uns dann doch zu lange war und nicht mehr so gut schmeckte. Die Angabe auf der Verpackung sollte daher beachtet werden. Aber es sind eben Experimente.

    Ob es nötig ist oder man doch von Anfang an mehr investiert, mag jeder selbst entscheiden. Interessant war es allemal.

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Über den Autor

Lukas

ist immer auf der Suche nach neuen Geschmackserlebnissen. Der Gründer des Alkoblogs liebt intensiven und abwechslungsreichen Whisky und Bourbon. Im Test stellt er aber auch andere Spirituosen wie Rum oder Gin auf die Probe. Und in der Bar darf es auch mal ein klassischer Cocktail sein.


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