Whisky

Veröffentlicht am 13. November 2016 | Fotos: Alkoblog

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Aufgespürt: Das (wohl) geheimste Whisky-Festival Deutschlands

Ich ziehe den Kragen hoch, weil es doch schon kalt ist. Der Wind peitscht über den nassgrauen Vorplatz des Hauptbahnhofes Puttgarden. Drinnen war es gemütlicher. Drinnen servierte ein Getränkeautomat mit unterwürfiger Geste wahlweise heißen Instant-Kaffee oder Suppe vom Typ „Gemüsebouillon mit Croutons“. Aber wir sind nicht gekommen, um Kaffee zu trinken oder Suppe zu schlürfen. Wir sind auf einer Mission. Hier oben auf Fehmarn, dem letzten Außenposten Deutschlands vor der dänischen Küste, soll es eines der bestgehüteten Geheimnisse der deutschen Whisky-Szene geben: Ein Festival, auf welchem man einige superseltene Whiskys probieren kann. Wir waren sofort angefixt.

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Der Südstrand von Fehmarn mit Hotelklötzen am Horizont.

Durch die Zugfenster haben wir Fehmarn schon im Schnelldurchlauf gesehen: Grüne Wiesen mit zotteligen Hochlandrindern, Windräder und die besten Hotelklötze der 50er, 60er und 70er Jahre in einem Super-Mix. Für alle die Meer, Strand und Beton lieben, ist das hier ein Paradies. Und beschaulich ist es hier: Im Hotel Dania ist in den Weltstädten New York, Chicago, San Francisco, London, Bahrain, Hongkong, Toyko und Sydney die Zeit stehengeblieben. Nur in der Weltstadt Hamburg laufen die Uhren noch korrekt. Was für ein Glück!

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Die Welt im Blick: Das Hotel Dania richtet sich erkennbar an den erfahrenen World Traveller.

Warme Küche 1. Stock. Das ist gut, wenn uns mal wieder kalt ist, gehen wir einfach in die Küche. Aber nun erst mal aufs Zimmer. Es ist eingerichtet wie eine Kapitänskajüte, nur die Bullaugen fehlen, dafür gibt es viel rustikale Eiche zu sehen. Die Zentralheizung liegt zentral und sorgt für eine bullige Hitze im Zimmer. Wir holen spontan die Saunalaken raus und machen einen Aufguss mit der mitgebrachten Flasche Talisker Skye.

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Als wir die Zimmerpflanze gießen wollten, stellten wir fest: Sie ist aus Plastik.

Beim ganzen Relaxen hätten wir fast vergessen, warum wir eigentlich hier waren: Das Whisky-Festival. Eine Quelle hatte uns gesteckt, dass es im Hafen von Puttgarden stattfinden sollte. Also nichts wie hin. Zum Glück stellte sich heraus, dass das Hotel Dania so etwas wie das Hafenhotel und gleichzeitig das beste Haus am Platz war und wir deshalb in Nullkommanix da waren.

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Mit diesem Türsteher fühlten wir uns im Hotel Dania gleich viel sicherer.

Wer die Beschaulichkeit von Fehmarn von der Anreise vor Augen hat, wird hier Augen machen: Direkt am Fährhafen von Puttgarden auf einmal ein großer Parkplatz. Schweden und Dänen hasten mit großen Einkaufswagen über den Asphalt. Die Wagen sind bis zum Rand mit Bier, Wein und Schnaps gefüllt. Was ist denn hier los? Sind die Glög-Preise bei IKEA explodiert?

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Skandinavier beim Speed-Shopping: Wer transportiert mehr Bier aus dem Bordershop?

Hinter der skurril anmutenden Szenerie von skandinavischen Hamsterkäufern ragt ein riesiges Schiff haushoch in den Himmel. Ein großer Schriftzug verkündet, dies sei der BorderShop Puttgarden. Velkommen.

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Im Bauch des Schiffes ist auf fünf Decks ein gut sortierter Irrgarten aus allen erdenklichen Spirituosen, Wein und Bier angelegt. Tapfere Dänen kämpfen sich durch das in dänischen Kronen ausgepreiste Sortiment. Während einige von jeder Flasche eine zu kaufen scheinen, haben sich andere darauf verlegt, die Single Malts gleich kistenweise in den Wagen zu hieven. Big bottle shopping in the border shop!

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Erstklassige Single Malt Whiskys stehen hier palettenweise gestapelt in den Gängen, jede Ecke ist eine Schnapskammer äh Schatzkammer des guten Geschmacks. Wer noch glaubt, dass Schottland auf eine Whiskykrise zusteuert, sollte hier mal reinschauen – noch nie haben wir so viel guten Whisky an einer Stelle gesehen.

Systematisch durchkämmen wir das Schiff auf der Suche nach dem Whisky-Festival von unten nach oben. Das ist praktisch, denn so haben wir deutsches Dosenbier, italienischen Wein, schwedischen Vodka, schottischen Gin, karibischen Rum, dänische Liköre und norwegische Kräuterbitter schon gesehen, als wir im fünften Stockwerk das Whisky & Festival 2016 entdecken.

Zur Begrüßung gibt es einige Münzen in die Hand, die sich bei näherer Betrachtung als Einkaufswagenchips herausstellen. Ich habe immer gesagt, dass es sich lohnt, die Dinger zu sammeln! Mit dieser „Währung“ und einem Katalog bewaffnet ziehen wir los.

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Kurz spielen wir mit dem Gedanken uns alphabetisch durch die Single Malts zu verkosten. A wie Auchentoshan, B wie Balvenie, C wie Cragganmore usw. Doch dann entdecken wir, dass es auch Master Classes gibt. Global Brand Ambassador Gordon Dundas aus Schottland macht als Botschafter der Marke alle Ehre und schenkt aus: Hibiki 17 Jahre, Hibiki 30 Jahre, Hakushu 18 Jahre, Laphroaig 10 Jahre, Laphroaig 32 Jahre und wer dann noch steht, kriegt einen Glen Garioch 15 Jahre aufs Haus eingeschenkt. Wir halten uns an den raren Hibiki 30, der nicht enttäuscht und ganz wunderbar nach Pflaumen, dunkler Schokolade und buntem Pfeffer schmeckt.

Wer nach dieser intensiven Einführung in die Welt des kuratierten Trinkens weiterziehen möchte, der kann seine Eindrücke bei Ausstellern von Bruichladdich über Glenmorangie, von Macallan über Mackmyra bis Wemyss Malts eindrücklich vertiefen. Die Einkaufswagenchips sind dabei flüssiges Gold wert. Für 1-2 Chips gibt es sehr gute Drams ins Glas, die man anschließend auf einer der zahlreichen Couches oder auf dem Außendeck des Schiffes verkosten kann.

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Single Malt im Glas, Seewind in der Nase – Alkoblogger Lukas ist überwältigt.

Es ist eine überaus angenehme, ruhige und fast schon familiäre Atmosphäre auf dem Whisky & Festival im Bordershop. Kein Gedränge und netterweise auch keine nervtötende Dudelsackmusik, die einem bei so vielen anderen deutschen Whisky-Festivals immer so herrlich auf den (Dudel)sack geht. Hier steht die Spirituose im Vordergrund – und die genießt sich im Gespräch mit Ausstellern, die teilweise den weiten Weg von Islay nach Fehmarn gekommen sind, gleich noch mal so gut.

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Alles notiert? Alkoblogger Samuel führt Strichliste über die getrunkenen Malts.

In einer Pressemitteilung wird der Bordershop später einen neuen Besucherrekord verkünden, immerhin 2.000 Gäste haben an den drei Tagen ins Glas geschaut. Zum Vergleich: Auf großen Messen wie der Interwhisky in Frankfurt am Main treten sich schon mal 8.000 Besucher an einem Wochenende auf die Füße. Da genießt es sich mit Blick auf die Ostsee schon ein wenig angenehmer.

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Die Fähren pendeln am Wochenende rund um die Uhr zwischen Fehmarn und Dänemark

Glücklich schwanken wir von Deck. Auf dem Parkplatz versuchen fünf Dänen gerade ihre für eine ganze Kompanie reichenden Biervorräte in den Kofferraum eines Reisebusses zu verfrachten. Sie haben keine Eile: Am Wochenende hat der Bordershop rund um die Uhr geöffnet. Von hier sind es nur 45 Minuten bis Rødby in Dänemark. Dort kosten die Getränke mindestens dreimal soviel, erzählen sie uns lachend. Für sie ist die Rechnung jetzt schon aufgegangen.

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Da geht noch was: Dänische Shopper verstauen die flüssige Ware hektoliterweise im Reisebus

Und für uns? Ja in jedem Fall auch. Das wohl versteckteste Whisky-Festival auf Fehmarn ist auch für deutsche Genießer die Reise absolut wert. Die nächste Veranstaltung findet 31. März bis 2. April 2017 in Puttgarden statt. Von Hamburg sind es zwei Stunden mit dem ICE nach Puttgarden Hbf., von Berlin ungefähr vier Stunden. Aber psst, nicht weitersagen! Damit das Tasting auf dem Whisky & Festival in Puttgarden noch lange so entspannt und gemütlich bleibt…


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One Response to Aufgespürt: Das (wohl) geheimste Whisky-Festival Deutschlands

  1. Dete says:

    Gutes Blog – I’ll stay tuned!

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Über den Autor

Lukas

ist immer auf der Suche nach neuen Geschmackserlebnissen. Der Gründer des Alkoblogs liebt intensiven und abwechslungsreichen Whisky und Bourbon. Im Test stellt er aber auch andere Spirituosen wie Rum oder Gin auf die Probe. Und in der Bar darf es auch mal ein klassischer Cocktail sein.


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