Trinkkultur

Veröffentlicht am 18. März 2015 | Foto: Alkoblog

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Literatur & Alkohol (2): Reise nach Petuschki von Wenedikt Jerofejew

Kunst und Schnaps, Literatur und Alkohol – seit jeher haben alkoholische Getränke eine große Bedeutung für das kreative Schaffen von Schriftstellern gehabt. Doch warum ist das so? Mit welchen Longdrinks, Shots und Cocktails haben Hemingway, Fitzgerald und Co. ihrer Phantasie am liebsten auf die Sprünge geholfen und die Muse an ihren Schreibtisch gelockt? Diesen und weiteren Fragen möchte diese neue Rubrik auf den Grund gehen. Literaturbloggerin Deborah begibt sich auf eine spannende Reise in die Welt der Dichter & Denker. Diese Folge dreht sich um ein besonders alkoholgetränktes Kultbuch der russischen Literatur: Wenedikt Jerofejews „Reise nach Petuschki“:

„Alle sagen: der Kreml, der Kreml. Alle haben mir von ihm erzählt, aber selbst habe ich ihn kein einziges Mal gesehen. Wie viele Male schon (tausend Male) habe ich im Rausch oder danach mit brummendem Schädel Moskau durchquert, […] aber den Kreml habe ich kein einziges Mal gesehen.“

Russland ist als besonders trinkfeste Nation bekannt. Nicht von ungefähr spricht man vom Vodka als „Wässerchen“, das dementsprechend recht freigiebig genossen wird. Diese kulturelle Eigenheit spiegelt sich selbstverständlich ebenso in der Literatur wider. Ich kenne kaum ein großes Werk der russischen Literatur, in dem nicht mit viel Inbrunst alkoholische Getränke genossen werden.

In Wenedikt Jerofejews Poem „Die Reise nach Petuschki“ spielen Vodka, Bier, Wein, Schnaps & Co. eine besonders gewichtige Rolle. Der Protagonist, der nach eigenen Angaben zwar schon seit langer Zeit in Moskau lebt, vertreibt sich dort trinkend die Zeit in den Kneipen. Er hat allerdings auf seinen ausgiebigen (Sauf-)Touren durch die Stadt kurioserweise noch nicht einmal das wichtigste Wahrzeichen der Stadt gesehen: Den Kreml.

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Auch mit dem Bus geht es nach Petuschki (Foto: Ilya / Flickr)

Skurrile Reisegefährten & schräge „Cocktails“

Jede Woche aufs neue findet er sich wieder am Bahnhof wieder, unweigerlich sitzt er in Kürze wieder im Zug nach Petuschki! Diese etwa 120 Kilometer von Moskau entfernte Stadt wird auch deshalb zu seinem Sehnsuchtsort, weil dort seine wunderschöne Geliebte auf ihn wartet. Gerüstet mit einem großen Koffer gefüllt mit unzähligen Spirituosen steigt er also erneut in den Zug, trifft dabei allerhand seltsamer Mitreisende, die er mit seinen – mit jedem weiterem genossenem Getränk wirrer werdenden – Reflexionen über das Leben, die Liebe und das menschliche Dasein unterhält.

Mitunter wird sogar der Schaffner mit Vodka bestochen, denn von den stark alkoholisierten Reisenden besitzt so gut wie keiner einen gültigen Fahrschein. Selbst die gemischten Drinks werden immer abstruser, da wird schon mal Bier und Schnaps mit sonderbaren Zutaten wie Rasierwasser, Spritlack oder Nagellack miteinander vermengt. Bestimmt ein unbeschreiblicher „Genuss“! Der Erzähler resümiert über einen seinen zahlreichen Lieblingsdrinks, die berüchtigte „Konsomolzenträne“:

„Wenn man Wodka trinkt, erhält man sich den gesunden Menschenverstand und sein Gedächtnis oder aber verliert mit einemmal beides. Die „Konsomolzenträne“ dagegen hat eine ganz andere, absurde Wirkung: Wenn man hundert Gramm davon trinkt, von dieser „Träne“, bleibt das Gedächtnis scharf, aber der gesunde Menschenverstand schwindet, als hätte man nie einen gehabt. Trinkt man weitere hundert Gramm, kann man sich nur wundern: woher kommt plötzlich so viel Menschenverstand?“

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Zwei Bewohner von Petuschki (Foto: Ilya / Flickr)

Derlei Trinkerweisheiten lassen sich in „Die Reise nach Petuschki“ unzählige Male finden. Mit jedem Kilometer, die sich die Erzählung der Endstation nähert, werden die Ausführungen des Protagonisten surrealer und lassen sich wie bei einem richtigen Alkoholrausch üblich als immer zusammenhangsloser und irrationaler charakterisieren. Was ist real, was findet nur im Kopf des alkoholisierten Reisenden statt? Die Lektüre wird somit auch mit jedem weiteren Drink der Hauptfigur schwerer greifbar. Dies macht allerdings ohne Frage den großen Reiz dieses Romans aus.

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Geschlossenes Geschäft in Petuschki (Foto: Ilya / Flickr)

Die Reise nach Petuschki – ein Trinkerroman mit sozialkritischen Tendenzen

Als Leser befindet man sich stets im Bewusstsein des Protagonisten, erkennt die intelligenten Seitenhiebe auf den Kommunismus und das vermeintliche sowjetische Paradies, das der Bevölkerung vom politischen System versprochen wird. Jerofejews Werk konnte deshalb lange Zeit nur im Untergrund erscheinen. In der Sowjetunion war es erst in den späten 1980er Jahren erhältlich. „Die Reise nach Petuschki“ ist zweifellos ein Trinkerroman par excellence. Die unzähligen Verweise auf europäische Literatur, Kunst und Musik verleihen der zunehmend wahnwitziger werdenden Erzählung viel Tiefgang: Der Alkohol dient nicht zuletzt als Triebfeder des kreativen Geistes und der Gesellschaft – richtet den einen oder anderen aber ebenso zugrunde.



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Über den Autor

Deborah

ist leidenschaftliche Leserin und Genießerin. Vor allem die Literaten des 19. und 20. Jahrhunderts begeistern sie – eine Zeit, in der Wein, Whisky & Co. in Strömen flossen und den Schriftstellern vielleicht auch die eine oder andere gute Idee entlockten.


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