Wenn ich geahnt hätte, was auf mich zukommt, ich wäre an diesem Tag einfach im Bett geblieben. So aber stand ich morgens um 15:30 Uhr auf. Mein Spiegelbild sah zum Kotzen aus. Ich briet mir Spiegeleier mit Speck in der Pfanne und mixte mir einen schönen Bourbon mit Soda. Die Eiswürfel klimperten leise im Glas, ich liebte dieses Geräusch. Noch viel mehr aber liebte ich den Geschmack des Bourbons. Auf einmal klingelte das Telefon. In der Leitung waren diese Alkoblogger. Wollten wissen, ob ich mit der Whisky-und-Bart-Story schon weiter wäre. „Hä, was für eine Story?“, raunzte ich ins Telefon. Am anderen Ende wurde irgendwas von einer Pressemitteilung gefaselt, die ich doch bekommen haben müsste und ob es endlich losgehe. Ich legte auf. Die Eier mit Speck waren angebrannt.

Tatsächlich fand ich wenig später unter einem Berg von Papieren auf meinem Schreibtisch besagte Pressenotiz, welche die Jungs vom Alkoblog mir auf den Tisch geschleudert hatten. Titel: „Dein Bart, Dein Whisky“. Ich hatte den Verdacht, dass sich die Jungs selbst nicht mit diesem Thema beschäftigen wollten. Vermutlich waren sie sich zu fein dafür. Und da kam ich ins Spiel: Der gute alte Suffkowski sollte es richten, recherchieren, der Bart-im-Whisky-Story auf den Grund gehen. Knallharte Recherche – ohnehin mein Spezialgebiet. Ich habe mal eine Zeitlang überlegt, mir Visitenkarten mit der Berufsbezeichnung „Knallharter Rechercheur“ drucken zu lassen, doch das ist eine andere Story. Diese Geschichte hier hatte einen ganz schönen Bart.

Zuerst dachte ich ja, dass es sich bei der Meldung um einen Vorboten des Sommerlochs handelt. Vielleicht wollte ich das auch glauben, denn dann hätte ich das Blatt Papier mit ruhigem Gewissen zerknüllen und in den Papierkorb kicken können. Doch ein Blick auf den Kalender zeigte mir, dass er nicht mehr ganz aktuell war. Zumindest glaube ich, dass der April 2010 doch mal langsam vorbei sein sollte. Wäre sonst ein ziemlich langer Monat gewesen.

Wo war ich stehengeblieben? Achja, die Bart-Story. Mir fiel eine Schote ein, die mir ein alter Chinese in einer reichlich trüben Bar in Shanghai einmal erzählt hatte. Ich saß da und rauchte und trank Scotch. Es war eine verregnete Nacht und ich hatte keine Lust in mein versifftes und von Kakerlaken zerfressenes Zimmer zu gehen. Also trank ich. Zu dieser Zeit hatte ich einen ziemlichen Vollbart, beziehungsweise habe ich den eigentlich immer noch… Na jedenfalls setzte sich dieser Chinese zu mir. Er nickte mir zu und sagte dann auf einmal: „Wenn du den Ursprung eines Bartes finden willst, musst du bei der Spitze anfangen und dich nach oben vorarbeiten.“ – Ich guckte natürlich. Es war wohl das letzte was ich erwartet hatte, dass mir ein alter Chinese ungefragt seine Bart-Weisheiten aufs Auge drückte. „Schon gut, schon gut“, erwiderte das kauzige Kerlchen flink und machte sich vom Acker.

Ich vergaß den Spruch sofort. Bis, ja bis ich diese verdammte Pressemitteilung auf den Tisch bekam. Whisky, Bart, alles passte. Ich musste nur dem Bart nachgehen und schon würde ich herausfinden, was es mit dieser ganzen Nummer auf sich hatte. „Dem Bart nachgehen“ konnte in diesem Fall nur bedeuten, sich die Mitteilung bis zum Ende durchzulesen. Auf die Idee war ich bis jetzt noch gar nicht gekommen…

„Kein Mann gleicht dem anderen: Jeder hat seine Besonderheiten und seine ganz spezielle Art sich der Öffentlichkeit zu präsentieren. Dabei ist der Bart – das Symbol der Männlichkeit schlechthin – seine größte Waffe, um der Welt zu zeigen, wer er ist. Premium-Whiskys wie die Signature Malts – jeder einzelne mit seinem ganz eigenen Charakter – unterstreichen die individuelle Persönlichkeit. Sei es der Dreitagebart, Henriquatre, Schnauzer oder Vollbart, zu jedem Bart passt ein Mann und zu jedem Mann passt ein Signature Malt Whisky.“

Was für eine Soße! Der Bart als Waffe? Ich habe ja schon viel erlebt in meinem Leben und ich kann nicht bestätigen, dass mein Bart sich als Waffe schon mal nützlich gemacht hätte. Schon eher hilft da ein kräftiger Faustschlag aufs Auge oder in die Magengrube, wenn dir einer dumm kommt. „Zeig mir deinen Bauch und ich sag dir, welchen Whisky du trinkst“, das könnte auch mal ein Thema für eine Pressemitteilung sein. Doch weiter im Text. Anscheinend hatte der Schreiber der Zeilen großen Wert darauf gelegt, die verschiedenen Bart-Typen mit einem dazu passenden Whisky in Verbindung zu bringen. So hieß es zum Vollbart:

Vollbart mit Whisky

„Mehr Bart geht nicht! Der Vollbart ist nur etwas für echte Kerle und steht für einen natürlich, männlichen Look. Es wird nicht rasiert, höchstens getrimmt, um trotz des urigen Erscheinungsbildes nicht ungepflegt auszusehen. Entgegen des allgemeinen Trends, sich einen Bart wachsen zu lassen, ist er allerdings nicht bei jedem beliebt. Entweder man liebt ihn oder eben nicht. Eine mindestens genauso polarisierende Wirkung hat der Laphroaig-Whisky, der durch seinen authentisch, männlichen Charakter eine treue Anhängerschaft gewonnen hat, jedoch durch seinen unverkennbar rauchigen Geschmack tatsächlich nicht jedermanns Sache ist. Hat man ihn allerdings ins Herz geschlossen, wird sich dies so schnell auch nicht mehr ändern.“

Kurzum, wer Laphroaig trinkt, der braucht sich nicht mehr zu rasieren. Eine Ansicht, die ich nach Betrachtung diverser Laphroaig-Trinker in den übelsten Kneipen dieser Welt ohne weiteres bestätigen kann. Ich trinke auch Laphroaig und kann mich an die letzte Rasur gar nicht mehr erinnern. Ob das am Genuss der Flasche liegt oder einfach daran, dass es so lange her ist…keine Ahnung. Ich kämpfte mich weiter durch den Pressetext. Wer eine Schifferkrause trage, trinke gerne einen irischen Whisky namens Connemara, hieß es da. Ob man Ire sein musste, um diesen Whisky zu mögen oder Seemann, stand da nicht. „Männer mit einem Schnauzbart zeigen Stil und wirken zugleich geheimnisvoll.“, hieß es weiter. Und sie mögen Macallan. Was daran geheimnisvoll sein sollte, stand leider nicht da.

Whisky-Bärte im Vergleich

Ich bin fast froh, dass ich noch nie Glenrothes probiert habe. Warum? Na lest mal das hier:  „Der Rund-um-den-Mund-Bart – auch Henriquatre genannt – bringt die romantische Seite des Mannes zum Vorschein. Er ergibt sich aus einer Kombination aus Schnauzer und Ziegenbart und wirkt auf das andere Geschlecht sehr schick und sexy, ohne an Männlichkeit zu verlieren. Ein Typ Mann, wie geschaffen für den fein fruchtigen Glenrothes-Whisky, der mit seinem verführerischen Vanille-Aroma und milden Geschmack ebenso Anklang bei den Frauen findet, wie der Henriquatre als Bart.“ – Scheint ein Whisky für Schönlinge und Beaus zu sein. Sowas kommt mir nichts ins Haus. Andererseits: Whisky ist Whisky und mein Bourbon im Glas neigte sich schon bedenklich dem Ende entgegen.

Doch ich hatte das sichere Gefühl: Das Ende des Bartes war nah, meine Recherche stand kurz vor dem Abschluss. Und tatsächlich tauchte vor meinen Augen die Adresse der PR-Agentur auf, welche die Mitteilung verschickt hatte. Mit Telefonnummer. Ich spielte kurz mit dem Gedanken, da anzurufen und den Urhebern der Meldung auf den Zahn bzw. auf den Bart zu fühlen. Dann verwarf ich den Gedanken und machte mir lieber eine schöne Flasche Scotch auf. Welche? Na dreimal dürft ihr raten…

Die Kolumne „Aus dem Leben eines Suffkopps“ von Charles Suffkowski erscheint in unregelmäßigen Abständen im Alkoblog. Die Ansichten von Suffkowski spiegeln nicht zwingend die Meinung der gesamten Redaktion wieder.

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