Der Old Man Rum Project One kommt in markanter Flasche. (Foto: Alkoblog)

„Als der Junge zurückkam, schlief der alte Mann auf dem Stuhl, die Sonne war untergegangen. Der Junge nahm die alte Armeedecke vom Bett und breitete sie über die Stuhllehne und die Schultern des alten Mannes. Es waren merkwürdige Schultern, sehr alt, aber noch kraftvoll, und auch der Hals war noch kräftig, und die Falten zeigten sich nicht so, wenn der alte Mann schlief und sein Kopf nach vorn gesunken war. Sein Hemd war so oft geflickt, dass es dem Segel glich, und die Sonne hatte die Flicken in viele verschiedene blasse Farben ausgebleicht.“ – Ernest Hemingway: Der alte Mann und das Meer

Wie in Ernest Hemingways wohl bekanntester Novelle steht auch auf der Flasche des Old Man Rum Project One ein alter Mann im Mittelpunkt des Geschehens. Er sitzt da, den Kopf leicht nach vorn gebeugt. In der einen Hand ein Buch, in der anderen ein kleines Glas mit Rum. Die Karaffe steht auf dem Beistelltisch – bereit zum Nachschenken. Und auf dem Kaminsims dahinter, als einziges farbiges Objekt im Raum, ein kleines Bild einer Kokospalme am Strand. Dieser alte Mann träumt sich ganz offensichtlich an den Traumstrand der Karibik, genau dahin wo der Rum auch herkommt.

Normalerweise schreibe ich nicht viel über das Design oder die Form von Flaschen. Nicht, dass ich etwas gegen eine kunstvoll verzierte Whisky- oder Rumflasche hätte. Im Gegenteil: Eine gute Spirituose schmeckt gleich nochmal so gut wenn Flasche, Etikett und Inhalt eine Einheit bilden, sich Optik und Geschmack ergänzen.

Häufig macht mich eine allzu schicke Flasche aber auch misstrauisch: Wurde hier viel Geld für die Hülle gesteckt, ohne auf den Inhalt wert zu legen? Es gibt genug Beispiele für umwerfend gestaltete Vodkaflaschen – in denen am Ende doch der fast identische, weitgehend geschmacksneutrale Kornbrand steckt. Flakon statt Fassreifung, Luxus statt Lagerdauer.

Antreten zum Maß abnehmen: Fast 32 cm ist der Old Man Rum hoch
Antreten zum Maß abnehmen: Fast 32 cm ist der Old Man Rum hoch. (Foto: Alkoblog)

Eine Flasche wie Monolith

Auch die Flasche des Old Man Project One trumpft ordentlich auf: Breit und hoch zugleich macht sich der wuchtige Glaskörper auf dem Couchtisch breit. Eine Flasche wie ein Monolith, die sofort alle Blicke meiner Gäste auf sich zieht. Hätte man mich raten lassen, wieviel Rum wohl darin ist, ich hätte auf deutlich mehr als einen Liter getippt. Doch die üppigen Maße der Primabella täuschen – mit 0,7 Litern hält sie genau das Standardmaß ein.

Der Old Man Rum ist eine Eigenabfüllung des bekannten Onlineversenders Rum & Co. Der Name soll nicht etwa eine betagte Zielgruppe glücklich machen, sondern leitet sich aus dem Namen des Chefs ab: Thomas Altmann. Auf Englisch: Old Man. Der Project One deutet an, dass es sich zum einen um ein Experiment handelt, ein Projekt in Sachen Rum. Und das scheint gut zu laufen, denn neben Nummer Eins gibt es nun auch schon Project Two und Three, ein vierter Rum ist gerade in Planung.

Die Spirituosen des alten Mannes... (Zeichnung: Spirits of Old Man)
Die Spirituosen des alten Mannes… (Zeichnung: Spirits of Old Man)

Rätselraten um den Inhalt

Bis auf den Hinweis „Caribbean Rum“ und den Zusatz „Batch No 4“ gibt es keinen erklärenden Text auf dem Etikett des Project One. Keine Angaben zum Herstellungsland oder zur Destillerie. Keine Altersangaben oder Hinweise auf die Art der Lagerung. Im Internet erfährt man immerhin, dass es sich um einen Blend handelt: „Er besteht zu sehr großen Teilen aus alten, ehrwürdigen karibischen Rums und zu sehr kleinen Teilen aus jungen, frischen karibischen Rums.“ Der Rum werde selbst verblendet, abgestimmt und von Hand abgefüllt.

Diese Geheimniskrämerei über Herkunft und Alter hat natürlich ihren Reiz, aber es wäre schon spannend zu wissen, was man genau ins Glas bekommt. Auch eine Legende rund um den alten Mann, den Rum und das Meer wäre noch spannend gewesen. Ganz im Stil des alten Trinkers Hemingway.

Unser Tasting des Project One Rum

Wie riecht er?

Ich bewege den Rum vorsichtig im Glas und bemerke die ölige Konsistenz. Sehr langsam laufen die Tropfen an der Glaswand herab: Ein Rum mit einem langen Fenster, das deutet auf eine hohe Aromendichte hin (ob gute oder schlechte werden wir sehen). In der Nase sehr süß und cremig. Viel Vanille und Sirup, aber auch sahnig wie Panna Cotta. Nach Standzeit etwas Haselnuss, ein Hauch Lebkuchen. Immer wieder aber auch die Assoziation von Klebstoff oder Schuhcreme. Alles in allem nicht überbordend komplex, geruchstechnisch mehr ein easy-going Rum.

Wie schmeckt er?

Süß, sehr süß…holla, die Waldfee! Mit der zuckrigen, sirupartigen Süße muss man erst mal klar kommen. Im positiven Sinne lieblich, mild und ohne raue Kanten. Viel Vanille, viel Zuckerrohr. Erinnert mich fast an einen Likör. Der Project One würde gut zur nachmittäglichen Teestunde mit Apple Crumble oder Butterwaffeln passen. Wer mehr Spannung möchte ist hier nicht richtig: Dieser Rum ist reif und gesetzt, ein Couch-Potatoe-Rum, kein Draufgänger.

Wir danken unserem Tasting-Partner Rum & Co für die Zusendung des Rum Project One.

Old Man Rum Project One
Gestaltung & Story84
Geruch76
Geschmack84
Preis-Leistung60
76
Fazit
Wer seinen Rum mild, lieblich und süß mag, findet im Rum Project One einen exquisiten Begleiter für gemütliche Stunden. Der reife Rum kommt ohne Ecken und Kanten aus. Vielleicht hat mir beim Tasting gerade deshalb etwas die Spannung und das Abenteuer gefehlt. Ein guter Rum, aber er wird nicht mein Liebling.

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