Was steckt drin in NAS-Whiskys? Pro und Contra im Überblick. (Foto: lilykreit / freeimages.com | Montage: Alkoblog)

Seit einiger Zeit kommen immer mehr schottische Whiskys ohne Altersangabe auf den Markt. In den so genannten No-Age-Statements (kurz: NAS) steckt auch Whisky aus jüngeren Fässern. Da per Gesetz immer das Jahr des jüngsten Whiskys auf der Flasche angegeben werden muss, verzichten die Destillerien gleich ganz auf eine Altersangabe.

Fragt man Whisky-Genießer zu No-Age-Statement, so sind die Meinungen gespalten wie ein frisches Holzscheit, durch das man gerade ein scharfes Beil gejagt hat. Während die einen das Ende hochwertiger Whiskys herannahen sehen („No-age-statement will kiss us all“), bewerten andere die Lage weniger dramatisch („No Age Statement: Ein Plädoyer“) und heben die Qualität guter NAS-Abfüllungen hervor. Doch welche Argumente sprechen für und welche gegen Whiskys ohne Altersangabe?

Pro: Mehr Vielfalt durch No-Age-Statement Whisky

Für die Destillerien haben No-Age-Statements viele Vorteile: Die Herstellung von Whisky geht traditionell mit einer hohen Kapitalbindung einher. Die Spirituose wird in ein paar Stunden gebrannt und lagert dann für viele Jahre im Holzfass. Ein klassischer Single Malt reift häufig mindestens 10 oder 12 Jahre, andere Abfüllungen auch deutlich länger. Für die Destillerie ist der Malt in dieser Zeit praktisch totes Kapital, denn sie muss warten bis er reif für die Abfüllung und den Verkauf ist. Sie ist also entweder geduldig – oder vertreibt sich die Zeit, zwischendurch ein paar jüngere Whiskys etwa für Blends herzustellen und zu verkaufen. Mit den No-Age-Statements wird dieses Diktat des Alters aufgehoben, auch jüngere Malts bekommen eine Chance.

Aus Kundensicht erweitern NAS-Whiskys das Angebot: Es gibt in der Whiskywelt viel mehr Auswahl als noch vor zehn Jahren. Durch die No-Age-Statements wurden die Destillerien mutiger, mit neuen Finishings zu experimentieren. So reift der Whisky etwa in ehemaligen Sherry-Fässern, Bourbon-Fässern oder Rum-Fässern und entwickelt so einen besonderen Geschmack. Die fertigen Whiskys haben häufig ein aufregenderes Aroma als die Standard-Abfüllung, die Extreme werden mehr betont oder besondere Nuancen hervorgekitzelt. Auf dem Markt bleibt ein solch veredelter Whisky aber doch häufig ein Nischenprodukt. Deshalb experimentieren die Brennereien verständlicherweise lieber mit den No-Age-Statements, als mit ihrem Hauptprodukt.

Wer fragt noch nach dem Alter? Viele No-Age-Statements beweisen eindrucksvoll, dass das Alter nicht mehr so entscheidend für die Qualität eines Whiskys ist. Auch jüngere Abfüllungen können mit komplexen Aromen punkten und anspruchsvolle Tester und Genießer überzeugen. Hinzu kommt: Viele Whisky-Käufer neigen dazu, das Alter eines Whiskys überzubewerten. Dabei kann ein guter No-Age-Statement auch wesentlich ältere Malts geschmacklich in ihre Schranken weisen. Und wem ist damit gedient, wenn ein Whisky zwar 21 Jahre im Fass war, dabei aber müde und ausgelutscht wurde, wie in alter Ackergaul? Hinzu kommt: Wer blind verkostet, wird bei vielen Whiskys kaum herausschmecken können, ob er nun acht oder zwölf oder 15 Jahre im Fass gereift ist.

Das alles spricht für die No-Age-Statements: Man sollte den jungen Wilden eine Chance geben!


Whiskyfässer werden in der Speyside-Cooperage aufbereitet. Doch wie lange bleibt der Whisky eigentlich im Fass? (Foto: Alkoblog)
Whiskyfässer werden in der Speyside-Cooperage aufbereitet. Doch wie lange bleibt der Whisky eigentlich im Fass? (Foto: Alkoblog)

Contra: No-Age-Statements killen die traditionellen Single-Malts

Wer sich mit Argumenten gegen No-Age-Statements beschäftigt, kommt immer wieder auf eine Frage zurück: Warum machen die Destillerien das? Die Antwort ist ganz einfach: Sie wollen den Absatz steigern und mehr Gewinn machen.

Über viele Jahre hinweg war der Whiskymarkt relativ statisch. Wenn eine Destillerie einen neuen 12-jährigen oder 15-jährigen oder 18-jährigen vorstellen wollte, dann musste sie diesen erst einmal so lange lagern lassen, um ihn dann anzubieten. Und auf Kundenseite war es genauso: Man blieb „seiner“ Destillerie treu und kaufte den 12, 15 oder 18-jährigen, an den man sich gewöhnt hatte.

Mit den No-Age-Statements ergab sich für die Spirituosenkonzerne die Möglichkeit, auch jüngeren Whisky gewinnbringend zu verkaufen. Wer sich die Preise von No-Age-Statements anschaut, wird feststellen, dass diese absurderweise gleich teuer oder sogar teurer als Whiskys mit Jahresangabe sind. Für den Kunden bringt die fehlende Alterskennzeichnung also keinen Preisvorteil.

Mit dem Versprechen von ausgefeilten Finishings und viel Marketing bei der Flaschengestaltung versucht man auf Destillerie-Seite das fehlende Alter zu kompensieren. Das Kalkül der Whiskybrenner und Marketing-Strategen: Wer Fan einer Destillerie ist, wird durch die häufigeren Neuerscheinungen verleitet, sich öfter eine neue Flasche zu kaufen und so seine Sammlung erweitern. Und so werden die neuen Abfüllungen gleich dutzendfach in die Regale der Händler geballert.

Ein negatives Beispiel für diese Taktik ist die Islay-Destillerie Bruichladdich. Die Malts sind teilweise vorzüglich und viele der NAS-Flaschen überzeugen mit einzigartigen Aromen. Doch statt sich auf eine kleine Palette an guten Whiskys zu spezialisieren, schickte man immer neue Abfüllungen ins Rennen. Ich habe nicht ganz zu Ende gezählt, aber allein auf dieser Übersichtsseite finden sich über 90 Bruichladdich-Flaschen – wer soll die alle besitzen, geschweige denn trinken?

Natürlich gibt es auch sehr gute No-Age-Statement-Whiskys, denen man das junge Alter nicht anmerkt. Doch zu ihnen gesellen sich viele Flaschen mit aufregend klingenden Namen und bunten Etiketten, die alle nur eine kleine Varianz des bisher vorhandenen darstellen. Sie sind nicht schlecht, aber auch nicht aufregend. Ein solides Mittelmaß eben.

Das entscheidende Argument gegen NAS dürfte aber sein: Jeder verkaufte Scotch ohne Altersangabe ist einer weniger, der noch zehn Jahre oder mehr lagern durfte. Schon jetzt sind manche 18-jährige Whiskys rar und steigen im Preis und bei einigen Destillerien sind Age-Statements schon jetzt in der Minderzahl.

Sollten No-Age-Statements sich auf breiter Front durchsetzen, gibt es in ein paar Jahren vielleicht keine 10- oder 12 Jahre alten Single Malts im Einstiegssegment mehr.

2 Kommentare

  1. Hi,

    interessanter Artikel! Ich wusste gar nicht, dass das so ein Thema ist.
    Zuerst beim Lesen denkt man sich ja noch, was soll’s, die Altersangaben werden überschätzt. Aber dass die Destillen, um sich zu bereichern, die jungen Whiskeys dann quasi zum Teil überteuert verkaufen, ist schon dreist. Hoffen wir also, dass die Whiskeys mit Age Statement nicht irgendwann tatsächlich ganz überteuert sind.

  2. Ich genieße auch sehr gerne mal einen Single Malt NAS Whisky aus Schottland. Da sind tolle Whiskys dabei. Mich stört jedoch oft der Preisunterschied zu neuen 8, 10, oder sogar 12jährigen Single Malts aus der gleichen Distillery! Ich könnte einige Marken als Beispiele anführen, aber das wäre m.E. unfair, weil einseitig.
    Ich dachte in der Vergangenheit, dass nicht nur die Marke, Menge, Reifung und Nachfrage den Marktpreis letztendlich bestimmt, aber bei einigen NAS scheint es mir, dass leider nur der Markenname „ausgenutzt“ wird um den höchst möglichen Preis zu bekommen.
    Ich weiss aber auch, dass für die Distillerien meist nicht viel Gewinn übrig bleibt. Die wenigen großen Konzerne drücken da mächtig auf die Preisschraube. Letztendlich sollte man probieren und ggf. weniger ist dann auch oft mehr 🙂
    Drink with care!

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