Gin

Veröffentlicht am 1. Februar 2016 | Fotos: Alkoblog

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Die jungen Wilden: 6 neue deutsche Gins im Test

Wohl kaum eine Spirituosen-Sorte hat in den letzten Jahren so viele Neuerscheinungen gesehen wie der Gin: Gefühlt jede Woche flattert eine neue Pressemitteilung in unser Mail-Postfach, die uns von einem neuen, superspannenden Gin berichtet. Die Fülle an neuen Flaschen ist so groß, dass es fast unmöglich erscheint, alle verkosten zu wollen. Der Gin-Boom ist in Deutschland weiter ungebrochen!

Und doch stehen wir womöglich gerade am Beginn einer neuen Phase. Am vergangenen Donnerstag gab der Spirituosenkonzern Pernod Ricard bekannt, soeben den beliebten Monkey 47 Gin übernommen zu haben. Die kleine Spirituosenmanufaktur aus dem Schwarzwald schlüpft für eine ungenannte Summe unter das Dach der Franzosen. Tatsächlich war Monkey 47 im Jahr 2008 einer der ersten neuen deutschen Gins – und hat sich seitdem in dieser Nische erfolgreich etabliert. Wer sich auch nur ein bisschen für die Materie interessiert, hat von der Spirituose mit 47  verschiedenen Botanicals, die aus dem Schwarzwald stammen sollen, vermutlich schon gehört.

Das Beispiel Monkey  47 zeigt, wie es weitergehen könnte: Ein kleiner Teil der Gin-Marken wird bekannt und beliebt genug, dass er für große Spirituosenkonzerne interessant wird. Es folgt die Übernahme. Die vielen anderen Marken müssen umso härter kämpfen, um sich ebenfalls zu etablieren. Immer wichtiger wird dabei ein Alleinstellungsmerkmal – also ein besonderes, charakteristisches Aroma, eine schön gestaltete Flasche und eine gut erzählte Geschichte. Die 6 neuen Gins in unserem Test zeigen genau das – jeder auf seine ganz eigene Art.

Die Kandidaten in unserem Gin-Test

Die meisten Kandidaten unseres deutschen Gin-Tastings haben den Weg zur etablierten Marke noch vor sich: Nur Gin Sul aus Hamburg und Siegfried Gin aus Bonn sind schon einigermaßen bekannt. Einige tausend Mal suchen Interessierte jeden Monat bei Google nach ihnen – ein sicheres Indiz, dass eine Marke dabei ist, bekannter zu werden. Ganz neu erhältlich sind Applaus Gin aus Stuttgart und Skin Gin aus dem Hamburger Umland. Auch der Elephant Gin kommt aus der Umgebung der Hansestadt. Mit Turicum aus Zürich hat es zudem ein eidgenössischer Gin in die Testauswahl geschafft.

Während Siegfried Gin, Elephant Gin und Applaus Gin zwischen 30 und 40 Euro kosten, muss man für Skin Gin (ca. 43 Euro) und Turicum Gin (bis zu 50 Euro) etwas mehr auf den Tisch legen. Etabliert hat sich für Premium-Gin die 500 ml-Flasche – auch das ein Erbe des Monkey 47, der damals als einer der ersten weniger als die bei Spirituosen sonst üblichen 700 ml abfüllte und erfolgreich anbot. Alle Gins in unserem Test sind in Halbliterflaschen erhältlich. Auf den Literpreis umgerechnet ergeben sich somit durchaus stolze Preise für ein Destillat, das anders als Whisky nicht über viele Jahre im Holzfass gelagert wird.

Nach dem Öffnen der schicken Flaschen wird aber eines auch ganz schnell klar: Das wird ein Vergleichs-Test auf ganz hohem Niveau. Die genannten deutschen Gins haben durchgehend eine sehr hohe Qualität, es geht bei der Verkostung also viel um persönliche Vorlieben und ob einem der Stil und Charakter einer bestimmten Marke zusagt.

Blinde Verkostung: So testen wir Gin

Wie schon bei unserem großen Vodka-Test haben wir uns dafür entschieden, die deutschen Gins im Blind-Tasting auf die Probe zu stellen. Zu groß ist die Gefahr, dass wir uns von den sechs wirklich außergewöhnlich schick gestalteten Flaschen im Urteil beeinflussen lassen. Eingeschenkt wird also in der Küche nebenan in nummerierte Nosing-Gläser – keine der sechs Testpersonen kennt den Inhalt. Erst am Schluss wird das Rätsel um den Inhalt gelüftet. Drei junge Männer und drei junge Frauen stehen zum Tasting bereit. Alle haben Erfahrung mit Spirituosen in purer oder gemischter Form, aber keiner würde von sich behaupten, ein großer Gin-Experte zu sein. Es geht in diesem Abend auch weniger darüber, zu überprüfen, ob ein Gin zu einer bestimmten Spezifikation wie z.B. London Dry Gin passt – sondern einfach darum, wie er riecht und vor allem schmeckt. Ein subjektiver Gin-Test also, wenn auch unter ernsthaften Test-Bedingungen: Wir verkosten die Gins ohne Eis aus Nosing-Gläsern und lassen ihn vor der Probe einige Minuten lang atmen, damit sich alle Aromen im Glas entfalten können.

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Elephant London Dry Gin im Test

Ein Elefant auf einer Briefmarke, eine historische Afrika-Karte mit eingezeichneter Reiseroute – der schwarze Kontinent wird auf der Flasche des Elephant Gin lebendig. Der Botaniker Heinrich Stark steht mit seiner Expedition aus dem Jahr 1802 ganz unverhofft Pate für einen Gin mit afrikanischer Story. Die spiegelt sich vor allem in speziellen afrikanischen Botanicals wieder, die den Zauber der Wildnis einfangen sollen.

Im Blind Tasting fällt uns aber zunächst das eher klassische Aromenprofil dieses Gins auf: Blumig, fruchtig und lieblich schiebt sich der Elephant in unsere Rüssel, liefert dann eine ordentliche Portion Wacholder nach. Wir erkennen Zitronenschale, auch Salbei und Lavendel. Einen Duft den einige Tester mit einem Zahnarztbesuch assoziieren. Ob das ein Lob ist? Da bin ich mir nicht so sicher…

Im Mund schmeckt der Elephant einerseits mild, süß und erinnert an Zuckerguss. Ist dabei aber keineswegs zu unterschätzen: Mit Zitronenschale, Blutorangen, Orangeat und wieder Lavendel sind einige überaus angenehme Aromen zu schmecken. Eine Testerin beschrieb den Geschmack des Gins als „wolkig“. Tatsächlich wirkt der Elephant Dry gut strukturiert und rund. Im Abgang tritt eine gewisse Schärfe hervor, die an Ingwer erinnert. Nur die afrikanischen Botanicals hat keiner erkannt – aber das kann auch an unserer geringen Erfahrung mit Baobab, Buchu und African Wormwood liegen…

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Gin Sul im Test

Der Gin Sul aus Hamburg hat sicher eine der geschmackvollsten Flaschen, die wir je gesehen haben. Auf altweiß lasiertem Ton prangt der helblaue Schriftzug, der um das Abbild eines Schiffes ergänzt ist. Und obwohl die Fähre bei genauerer Betrachtung verdächtig an die Rundfahrtschiffe im Hamburger Hafen erinnert, knüpft sich an den Gin Sul doch eine ganz andere Geschichte: Denn es handelt sich um einen Gin mit portugiesischen Wurzeln. So sollen Botanicals wie portugiesische Zitronen, Rosmarin und Eukalyptus für ein mediterranes Flair sorgen.

In der Blindverkostung ahnen wir von dieser südeuropäischen Regionalität nichts, aber eines fällt uns doch gleich auf: Dies ist ein intensiver, fast schon wuchtiger Gin. Mit Lavendel-Wäschesäckchen und Mottenkugeln wird der Duft umschrieben. Aber auch Honig und Grapefruit werden immer wieder genannt. Der Duft erscheint mild, aber eher weniger vielseitig.

Dafür hat der Geschmack des Gin Sul eines durchaus eigenen Charakter: Gut zu schmecken sind Orangen, die sich mit Grapefruit und Wacholder zu einer harmonischen Mischung vereinen. Würzige Noten sind vorhanden, aber eher schwierig zu isolieren. In der finalen Wertung konnte sich der Dry Gin gegen die Konkurrenz vielleicht auch aufgrund seines etwas zu schüchternen Charakters nicht ganz durchsetzen.

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Turicum Dry Gin im Test

Auch der Turicum Gin aus Zürich kommt in einer Tonflasche, die verdächtig der des Gin Sul gleicht. Nur der Farbton der Lasur ist etwas dunkler. Gebrannt wird der Dry Gin in Zürich und anschließend von Hand mit Lindenblüten verfeinert. Kann sich der Schweizer Gin damit diesem Kniff gegen die starke Konkurrenz aus Deutschland durchsetzen?

Im Nosing fängt es schon mal nicht gut an: Von „Second-Hand-Laden“ über „Kleiderbox“, „Hansaplast-Pflaster“ bis hin zu „muffigen Socken“ reichen die ersten Assoziationen. Lag es an der langen Reise der Flasche zu uns? Nach weiterer Standzeit riechen wir dann doch noch angenehmere Noten: Estragon, Thymian, Holunderblüten und Zitronengras. Ein süßer und schwerer Duft, der definitiv polarisiert und nicht jedem gefällt.

Auch im Tasting findet der Turicum Gin aus Zürich nicht nur Freunde: Während einige seinen trockenen, milden und parfümigen Charakter hervorheben, seinen Geschmack nach Zitronenschale, Rosenblüten und Waldmeister loben, empfinden andere Tester ihn als zwar weich, aber doch eher dumpf und wenig differenziert. „Schmeckt nach feuchter Pappe“, lautetete etwa ein Kommentar. Einig sind sich die Gin-Genießer am Tisch dagegen, dass der Turicum angenehm lange im Mund zurückbleibt. Mit welchen Erinnerungen auch immer…

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Siegfried Dry Gin im Test

Auch der Siegfried Rheinland Dry Gin setzt auf Lindenblüten als Zusatz zu den insgesamt 18 Botanicals. Bei verschiedenen internationalen Spirituosen-Wettbewerben wurde Siegfried, benannt nach der berühmten Heldensage, schon ausgezeichnet.

Sein Duftprofil ist eher klassisch, mit gut wahrnehmbaren Wacholder und Zitronenschale. Er tendiert bisweilen ins Herbe, ist insgesamt aber leicht und geradlinig. Einige Tester empfanden ihn aber als „zu neutral und medizinisch“.

Auch hier sind die Anleihen beim klassischen Dry Gin unverkennbar: Prägnanter Wacholder trifft auf Zitronenschale. Ein milder Geschmack, wenn auch etwas unscheinbar. Siegfried Gin ist unkompliziert zu trinken, aber hält keine großen Überraschungen in Form von ungewöhnlichen Geschmacksnoten bereit.

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Skin Gin im Test

Eine Flasche in Schlangenleder-Optik, ein tätowiertes Werbemodel mit Hipster-Bart und ein Geschmackserlebnis das selbstbewusst als „mindblowing“ beschrieben wird. Skin Gin macht viel Wind um das eigene Getränk – zu Recht?

Im Nosing ist der Skin Gin aus Hamburg eine echte Überraschung: So frisch und fast schon gesund riecht sonst kein Gin! Wir fühlen uns spontan an aufgelöste Ricola Zitronenmelisse-Bonbons erinnert, auch die Assoziation eines Sauna-Aufgusses im Wellness-Tempel liegt im Raum. Im positiven Sinne wirkt der Duft von Minze und Kräutern ätherisch. Einige Tester empfanden ihn aber als etwas zu intensiv und aufdringlich.

Kann ein Gin gesund schmecken? Wenn, dann ist der Skin Gin ein perfektes Beispiel: Der frische Geschmack nach Pfefferminz und Zitronenmelisse breitet sich auf unserem Gaumen aus und bleibt mehrere Minuten lang bestehen. Wenn er süßer wäre, könnte man fast an einen Likör denken. Der Skin Gin erinnert kaum noch an einen Dry Gin, sondern scheint fast eine ganz neue Kategorie zu eröffnen. Dass ihm zum Testsieg am Ende einige wenige Punkte fehlen, liegt mit Sicherheit auch an seinem sehr eigenen Profil: „Kann man nur dosiert trinken, so intensiv schmeckt er“, fasste ein Tester seine Eindrücke zusammen. Der Skin Gin polarisiert in jedem Fall.

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Applaus Gin im Test

Vorhang auf, Manege frei: Ein Gin mit Zirkus-Thema – so könnte man die Story des Applaus Gin aus Stuttgart kurz zusammenfassen. „Wacholderbeeren und Zimt verneigen sich vor der großartigen Darbeitung feiner Zitrusfrüchte und frischem Rosmarin“, dichtet der Flaschentexter dazu. Mit ihren rosa und violetten Farbtönen ist die Hülle des Applaus Gin in jedem Fall ein ungewöhnlicher Hingucker im Regal und wieder ein Beweis dafür, dass es bei der Gestaltung des Gins ruhig ein wenig gewagt zugehen kann, wenn man als unbekannte Marke auffallen will.

Im Nosing fallen die Noten von Zimt sofort auf – und gefallen uns Testern. Wir denken an Lebkuchen, an Spekulatius und an winterliche Back-Gewürze wie Anis oder Kardamom. Der Applaus Gin riecht süßlich und bisweilen sogar nach Apfelmus.

Auch im Mund setzt sich der Nachmittag in der Backstube fort: Wir schmecken Zimt und Kardamom, abgerundet mit Zitronenschale. Hinten ist der Applaus Dry Gin eher trocken und bleibt noch einige Momente im Mund zurück. Ein ungewöhnlicher Geschmack, der bei uns aber sofort Assoziationen an die Weihnachtszeit weckt.

„Mutig“ wird am Ende auf einem Verkostungszettel stehen und diesem Urteil können wir uns nur anschließen. Denn der Applaus Gin bricht völlig mit alten Regeln, dass ein Gin vorrangig nach Wacholder schmecken muss. Dass tun zwar auch andere Gins in unserem Test, aber wer als wichtigstes Botanical ausgerechnet „Zimt“ wählt, darf schon als mutig bezeichnet werden. Immerhin läuft Gin vor allem als Zutat zu sommerlichen Cocktails gut und ob da jeder Lust auf winterliche Gewürze hat? Für lange, kalte Herbst- und Wintermonate kriegt der Applaus Gin aber unser großes Lob und die besten Empfehlungen.

Gratulation an Applaus Gin zum glorreichen Testsieg bei den neuen, deutschen Gins!


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6 Responses to Die jungen Wilden: 6 neue deutsche Gins im Test

  1. Gino says:

    Eine interessante Auswahl an u.a. Deutschen Premium Gins. Auch der heutige Testsieger hat überrascht. Aber genau das ist das Wunderbare am Gin: seine vielfältigen Geschmacksaromen und individuellen Interpretationen.
    Bei dieser Überschrift fehlt eigentlich nur noch G=in3 aus dem Hause der Edelbrennerei Ziegler. Dieser gilt nämlich als der Gin der Jungen Wilden… 😉

  2. AKF says:

    hätte bombig in die Liste gepasst und wäre sicher ein Anwärter für den ersten Platz:
    Monkey 47.

  3. Björn says:

    Sehr schöner Beitrag. Es gibt aber noch viele weitere sehr gute Gins aus Deutschland und es ist schade das viele noch nicht so bekannt sind.

  4. Rainer Wohlers says:

    Als bekennender Gin Geniesser habe ich mir die o.g. Flaschen Gin besorgt. So weicht mein Bewertung teilweise erheblich von Ihren „Geschmackssinnen“ ab. So ist „Siegfried“ allenfalls als Möbelpolitur zu gebrauchten, während das Schwabendestillat mich mehr als nur begeistert hat. Dito meine vier erfahrenen Mitstreiter, die den Stuttgartern in der Tat höchsten Applaus zukommen lassen – und das von uns aus München. Jedenfalls haben Sie damit 5 bekennende Applausfans gewonnen.

    • Klaus Odlazek says:

      Herr Wohlers, ihr Kommentar ist wohl der späten Stunde (2:45) und den möglichen Verköstigungen eines „Muencheners“ geschuldet. Ich kenne den Gin von Applaus noch nicht, werde deshalb auch noch kein Urteil abgeben. Das der Siegfried eine Verwendung als Moebelpolitur erfahren soll!
      Hammer!!!

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Über den Autor

Lukas

ist immer auf der Suche nach neuen Geschmackserlebnissen. Der Gründer des Alkoblogs liebt intensiven und abwechslungsreichen Whisky und Bourbon. Im Test stellt er aber auch andere Spirituosen wie Rum oder Gin auf die Probe. Und in der Bar darf es auch mal ein klassischer Cocktail sein.


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