Für viele Whiskygenießer ist der Lagavulin 16 so etwas wie der Heilige Gral: Sie verehren den Islay Scotch derart, als würde ein Schluck aus dem magischen Kelch ihnen das ewige Leben ermöglichen. Bei so viel Euphorie im Vorfeld bin ich immer etwas skeptisch. Wie oft wird ein Whisky als großartig gefeiert und ist dann doch nur gehobener Durchschnitt. Und andersherum: Ein Tropfen, an welchen man vorab wenig Erwartungen knüpft, entpuppt sich im Glas oft als wertvoller Geheimtipp. Dennoch war unsere Vorfreude auf den Lagavulin groß!

Mit der Destillers Edition 2013 seines klassischen 16-jährigen bringt Lagavulin eine Jahrgangsedition auf den Markt, die wohl vor allem Sammler respektive „Gralsjäger“ ansprechen dürfte. Eine aufgedruckte Batch-Nummer (lgv. 4/502) soll die Limitiertheit dieses Scotch andeuten. Interessanterweise verzichtet man auf Packung und Flasche komplett auf die Nennung der 16 Jahre. Lediglich die Jahreszahlen 1997 für die Destillation und 2013 für die Abfüllung verweisen auf das gehobene Alter des Inseltropfens.

Unser Tasting des Lagavulin Distillers Edition 1997/2013

Im Nosing-Glas fackelt der Lagavulin 16 nicht lange: Ein markanter Rauchgeruch steigt empor, mischt sich mit Holzkohle und dunklem Holz. Fast unwillkürlich blicken wir aus dem Fenster: Grillen die Nachbarn etwa wieder im Hof? Urig und intensiv riecht dieser Islay. Gönnt man ihm ein paar Minuten im Glas (was zugegebenermaßen schwer fällt) dann kommen würzige Töne wie Sandelholz und Muskat hinzu. Und zuletzt ist da noch der Geruch nach Schwefel, der ein wenig an einen Waldbrand erinnert. Intensiv – aber speziell: Lässt man die Whiskygläser über Nacht stehen, riecht der Raum am nächsten Morgen stark nach einem Holzkohlefeuer.

Vielschichtiger Geschmack – rauchiges Finale

Doch wir wollen den Lagavulin ja nicht stehenlassen, sondern ihn probieren. Gleich nach dem ersten Schluck folgt das Erstaunen: Weich rollt dieser Whisky über die Zunge, hinterlässt einen sehr komplexen Geschmack. Wer einen Schluck Lagavulin in den Mund nimmt, erlebt eine kleine Spazierfahrt durch verschiedene Aromenwelten (je nach Trinkgeschwindigkeit kann es auch eine Achterbahnfahrt sein). Zu Beginn schmeckt der Malt süß, aber nicht nach frischen Früchten. Es sind eher Rosinen oder getrocknete Aprikosen, die den Genuss begleiten. Hier scheint sich die Reifung in spanischen Pedro Ximenez-Fässern auszuzeichnen – sie ist der Distillers Edition von Lagavulin vorbehalten. Es folgt ein starker, aber nicht unangenehmer Rauch. Erdige, moorige, fast modrige Töne bilden den Höhepunkt. Und auf den folgt eine Zugabe: Noch mehr Rauch. Fast fühlt man sich in eine rauchige Kneipe versetzt, in der Jazzmusiker gerade einen kompromisslosen Freestyle durch den Raum jagen. Eine Brise Meersalz ist der letzte Gruß des ausdauernden Lagavulin…zumindest für diesen Schluck.

Aufschließen mit Wasser lohnt sich

Gibt man einige Tropfen Wasser zum Whisky ins Glas (was ich euch bei allen Malts mit mehr als 40% nur empfehlen kann), so erweitert sich das Spektrum des Lagavulin 16 erneut. Er riecht jetzt fast wie die Bremsen der Berliner S-Bahn früher, in den Jahren direkt nach der Wende. Ein vertrauter, nicht unangenehmer, aber sehr markanter Geruch. Im Mund sind die Aromen noch breiter und langanhaltender zu schmecken. Dunkel, intensiv und rauchig ist auch hier der Charakter des Inselbewohners.

Laphroaig 10 vs. Lagavulin 2013

Im Vergleich zu anderen Islay Malts, wie etwa dem Laphroaig 10 Jahre wirkt der Lagavulin 2013 viel ausgewogener und harmonischer. Wenn man böse sein will, könnte man auch sagen: Gesetzter, gemütlicher, fast ein Altherren-Whisky. Wo der Laphroaig mit scharfem Rauch und medizinischen Noten ungestüm voranprescht, setzt der Lagavulin lieber auf seine verlässliche Komplexität und die fein abgestimmten Aromen. Auch auf die Gefahr hin, dass auch wir der Jagd nach dem Gral jetzt verfallen sind: Hier handelt es sich um einen Ausnahme-Whisky, den jeder fortgeschrittene Genießer probiert haben sollte!

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Lagavulin Distillers Edition 1997/2013
Gestaltung & Story96
Geruch & Geschmack90
Preis-Leistung90
92
Fazit
Auch auf die Gefahr hin, dass diese Rezension nur Superlative enthält: Der Lagavulin 16 ist ein herausragender Islay-Whisky. Wie er den starken Rauch mit komplexen, erdigen, dunklen Aromen verbindet - Chapeau! Rund 80 Euro muss man für die Distillers Edition 1997/2013 anlegen. Eine Flasche für Sammler und Genießer!

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