Rum

Veröffentlicht am 26. Oktober 2016 | Fotos: Alkoblog

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Segel gestrichen: Johannsen Rum Flensburger Senior 1965 im Test

Dunkel, schwer und aromatisch – jamaikanische Rums sind sicher vieles, aber keine Leisetreter. „Big, bold and beautiful“ lautet das Motto. Das hat zu dem Stereotyp geführt, dass es sich dabei um Rum handelt, den man zwar gut in einen tropischen Cocktail mischen kann, dem zum puren Genuss aber etwas die Tiefe fehlt. Das stimmt so natürlich nicht oder jedenfalls nicht immer: Von Appleton bis Myers’s Rum gibt es genug Gegenbeispiele für gelungene Jamaika-Rums. Auch in Deutschland ist er eine der beliebtesten Rum-Sorten. Der Begriff „German-style jamaica rum“ ist ein stehender Begriff – er bezeichnet einen besonders aromastark hergestellten Rum, den man auch aus einem Verschnitt noch gut herausschmecken kann.

Der Flensburger Senior 1965 ist Rum pur

Doch es gibt „den Jamaikaner“ auch pur: Statt Rum-Verschnitt kommt auch hierzulande immer häufiger ein echter, unverschnittener Rum in die Flasche. So auch bei Johannsen, die uns ihren Flensburger Senior 1965 Jamaika-Rum zur Verkostung geschickt haben. Das ist mutig, denn einen ihrer Flensburger Rum-Verschnitte hatten wir letztes Jahr schon für nicht besonders lecker befunden. Aber wir geben dem bekannten deutschen Rum-Haus natürlich gerne eine zweite Chance.

Wie alt ist der Senior wirklich?

Nun muss also der „sagenhafte Senior“ (O-Ton Johannsen Webseite) ran, um die Scharte auszuwetzen: Die handgeschriebene Jahreszahl auf der Flasche ist im Übrigen nicht nur Deko, sondern hat einen historischen Hintergrund. So soll der Vater von Martin Johannsen im Jahr 1965 einige Fässer eines besonders gehaltvollen Pure Rums erstanden haben. Das lässt sich aus Unterlagen belegen. Wie alt die Fässer damals bereits waren, ist jedoch nicht eindeutig dokumentiert. Schätzungen gehen von 5-10 Jahren aus. Demnach wäre der Senior heute über 50 Jahre alt. „Sein genaues Alter lässt sich gar nicht mehr genau nachvollziehen und ist geradezu sagenumwoben“, heißt es dazu reichlich rätselhaft im Begleittext von Johannsen.

Bei dem hohen Alter und der versprochenen Qualität erstaunt nur der Preis: Gerade einmal 19 Euro sollen 200 ml des Senior 1965 kosten. Zum Vergleich: Ein 50 Jahre alter Whisky wie Balvenie oder Dalmore wird gut und gerne für 30.000 Euro gehandelt (kein Schreibfehler!).

Ist dieser Rum also ein sagenhaftes Schnäppchen oder zu Recht vergessen?

flensburger-senior-1965-rum-flasche

Die Flasche des Flensburger Senior 1965 ist von Hand beschriftet

Unser Tasting des Johannsen Rum Flensburger Senior 1965

Wie riecht er?

Dieser Rum hält sich nicht lange mit der Begrüßung auf. Das fruchtig-süße Aroma von Rum-Rosinen kommt einem in dichten Schwaden aus dem Nosing-Glas entgegen. Mit Vanille und Zuckerrohr prägen klassische Rum-Noten den ersten Eindruck. Aber auch eine Spur Kornbrand oder Getreideschnaps schimmern durch die Mischung durch – das ist beim hohen Alter des Rums durchaus erstaunlich. Lässt man den Senior 1965 atmen, gesellen sich kurzzeitig Tabak und Leder hinzu, etwas Zitronenschale sorgt für einen leicht bitteren Nachhall. Immer wieder kommt auch der Alkohol durch, dann erinnert der Duft des Seniors etwas an Möbelpolitur.

Wie schmeckt er?

Auch hier versucht der Senior es mit einem kühnen Kickstart: Fruchtige Noten von Ananas und Birne prallen auf einen ordentlichen Stapel Holz. „Weiter so!“, möchte man ihm zurufen. Doch leider geht dem Senior schon im Mittelteil die Puste aus. Es fehlt ihm an Körper, um den Aromen eine wirklich solide Basis zu geben. So schmeckt er insgesamt süß mit Noten von Rum-Rosinen und weißer Schokolade. Immer wieder trüben aber auch leicht spritige Aromen den Genuss. Der Abgang ist dezent bitter, was man als Zitronenschale deuten kann oder als Einfluss des Alkohols. Das Ergebnis ist ein netter Rum für Zwischendurch, aber kein ganz großes Kino. Dem Senior 1965 fehlt es trotz den langen Reifejahren letztlich an Raffinesse, um wirklich zur Königsklasse der Rums aufzuschließen. Er streicht die Segel ohne seine über die Jahre vielleicht gewonnenen Aromen auszubreiten.

Alkoblog.de Rum-Test: Johannsen Rum Senior 1965

Gestaltung
Geruch
Geschmack
Preis-Leistung

Fazit von Lukas: Was hat der Johannsen Senior 1965 die 50 Jahre im Fass gemacht? Das hätten wir auch gerne gewusst... Im Ergebnis bleibt ein deutscher Rum, der durchaus richtige Signale sendet, uns aber am Ende mit seinen unstrukturierten, wenig vielschichtigen Aromen und dem immer wieder durchscheinenden Alkohol nicht wirklich überzeugt hat. Fans des deutschen Rums mögen es anders sehen - unser Fall war der Senior 1965 leider nicht.

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2 Responses to Segel gestrichen: Johannsen Rum Flensburger Senior 1965 im Test

  1. Helmut Barro says:

    Waren es wirklich Holzfässer, in denen dieser Rum reifte? Ich kenne Fälle, in denen auch so absurde Altersangaben verwendet wurden, um dann im Nachhinein ganz beiläufig zu erwähnen, dass es Stahltanks waren, in denen der Brand schlummerte. 🙂

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Über den Autor

Lukas

ist immer auf der Suche nach neuen Geschmackserlebnissen. Der Gründer des Alkoblogs liebt intensiven und abwechslungsreichen Whisky und Bourbon. Im Test stellt er aber auch andere Spirituosen wie Rum oder Gin auf die Probe. Und in der Bar darf es auch mal ein klassischer Cocktail sein.


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