Da hat er wieder einen PR-Coup gelandet! Jim Murray kürt einen japanischen Whisky als persönlichen Favoriten und schon überschlagen sich die deutschen Medien. „Blamage für Schottland“, schreibt die FAZ. „Schotten-Schlappe“, dichtet die BILD-Zeitung. „Whisky aus Japan schmeckt am besten“, generalisiert die Süddeutsche Zeitung.

Und vor lauter Aufregung vergessen sie dabei glatt zu erwähnen, dass Jim Murray in der Whisky-Welt ungefähr so umstritten ist wie Robert Parker bei den Weinen. Und dass es dem gebürtigen Briten vermutlich durchaus gelegen kommt, wenn viel über diesen „Schotten-Schock“ (Berliner Kurier) geredet wird. Denn immerhin gibt Murray mit der Whisky Bible ein jährliches Nachschlagewerk mit Bewertungen für die Spirituose heraus (Preis rund 15 Euro). Darin enthalten ist auch eine Rangliste der angeblich besten Whiskys, in der sich in diesem Jahr eben keine schottischen Malts auf den ersten fünf Plätzen finden.

Merkwürdige Wertungen in Jim Murrays Whisky Bible

Wir haben die Whisky Bible von 2014 vorliegen und können uns auch da über einige Einschätzungen von Murray nur wundern. Da wird der sehr schwache Derrina Hafermalz-Whisky in den höchsten Tönen gelobt und bekommt 87,5 Punkte (entspricht sehr gut bis exzellent). Der wirklich dürftige Queen Margot-Blend von LIDL kommt mit 83,5 Punkten davon. Er ist damit gleich gut wie der Chivas Regal 12 Jahre bewertet! Selbst Laien können die offensichtlichen Qualitätsunterschiede zwischen diesen beiden Whiskys herausschmecken. Und so geht es weiter: Der eher lahme Dalwhinnie 15 Jahre wird von ihm als „Superstar-Whisky“ eingestuft (95 Punkte), in dem jeder Kenner „trinken und baden“ wolle. Für Jim Murray ist anscheinend beides gleich erstrebenswert. Oder der Highland Park 12 Jahre: Für viele Genießer einer der besten Whiskys in seiner Altersklasse. In der Whisky Bible wird er mit 78 Punkten abgestraft.

Nur einige Beispiele aus über 4.500 Whiskys, die Jim Murray angeblich alle selbst verkostet hat. Natürlich liegt er öfter auch richtig, doch wir haben bei unseren Stichproben festgestellt: Auf Murray ist einfach kein Verlass. Mal lobt er einen mittelmäßigen Malt über den grünen Klee, mal wird ein wirklich guter Tropfen von ihm mit schwacher Wertung abgetan.

Dennoch: Japanische Whiskys sind exzellent

Damit haben wir noch kein Wort über die japanischen Whiskys verloren: Die sind mittlerweile wirklich sehr gut. So konnte uns zuletzt der Hibiki 17 im Test überzeugen. Wir haben keinen Zweifel daran, dass es sich Murrays neuer Nr. 1, dem Yamazaki Single Malt Sherry Cask 2013, tatsächlich um einen feinen Whisky handelt. Freilich ist auch der Preis erstklassig: Gute 150 Euro kostet die Flasche, wenn man sie irgendwo bekommt. Denn japanische Malts haben in deutschen Shops immer noch Seltenheitswert.

Halten wir fest: Von Murrays subjektiver Wertungstabelle auf den Gesamtzustand der schottischen Whisky-Industrie zu schließen – das kann nur daneben gehen. Zumal die Aufregung bei ihm schon Methode zu haben scheint. Im Herbst 2013 tat sich Jim Murray etwa mit der Behauptung hervor, dass Bourbon aus den USA dem Scotch den Rang abgelaufen habe…

Was lernen wir aus der Sache? 1. Whisky verkosten ist doch immer eine sehr persönliche Angelegenheit. Man sollte keinen Wertungen vertrauen (auch nicht denen auf dieser Seite), sondern lieber selbst probieren. 2. Wir haben es wirklich versucht, aber Jim Murrays Whisky Bible eignet sich nicht mal als Buchstütze (fällt immer um).

1 Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*
*