Whisky

Veröffentlicht am 17. Februar 2017 | Foto: Alkoblog

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20 Stimmen, ein Whisky: Glenfiddich Project XX im Test

Was würdet ihr machen, wenn ihr einen Tag im Warehouse von Glenfiddich eingesperrt wärt und jedes Fass öffnen dürftet? Jede Menge probieren natürlich – dass wäre jedenfalls mein erster Impuls bei diesem Gedankenexperiment. Und dann würde ich mir aus den verschiedenen Fässern meinen ganz persönlichen Lieblingswhisky zusammenmischen.

Glenfiddich hat genau das jetzt gemacht. Dabei wurde aber nicht irgendwer in die Lagerhäuser gelassen, sondern die 20 Brand Ambassadors eingeladen, aus den vorhandenen Beständen einen neuen Whisky zu mischen. Das Ergebnis ist der Project XX Single Malt, der jetzt erschienen ist.

Stimmiger Whisky oder wilde Mischung?

Nun kann man durchaus Zweifel an der Sinnhaftigkeit eines solchen Versuchs haben: „Viele Köche verderben den Brei“, kam mir spontan in den Sinn. Denn so verschieden wie die gelagerten Whiskys im Warehouse sind ja auch die Geschmäcker. Der eine steht vielleicht total auf süße, florale Noten, der nächste möchte unbedingt den Geschmack von roten Beeren in der Mischung haben und der letzte vielleicht einen rauchigen Charakter verewigt wissen. Aus 20 Meinungen einen stimmigen Whisky zu generieren, das klingt schon nach einer ziemlichen Mammutaufgabe.

Und natürlich ist immer die Frage, wie sehr man den Brand Ambassadors einer Marke vertrauen möchte. Viele Markenbotschafter machen ihren Job sicher ganz ausgezeichnet und ich kenne selbst einige, die absolut Feuer und Flamme für „ihren“ Whisky sind – aber einige Botschafter sind halt auch dicht am Vertrieb angesiedelt. Sie können den Whisky gut präsentieren und verkaufen, sind aber nicht unbedingt die, die am meisten Ahnung davon haben. Das kann aber natürlich auch einfach nur meine persönliche Erfahrung sein und sicher sind die Glenfiddich Ambassadors sehr qualifiziert und haben einen vorzüglichen Whiskygeschmack. Aber so ein bisschen habe ich mich schon gefragt, wie aus dieser Konstellation jetzt ein guter Whisky werden soll.

Master Blender Brian Kinsman vermählte die Malts

Zum Glück waren die 20 Whisky-Botschafter aber auch gar nicht alleine im Warehouse, sondern hatten kundige Unterstützung in Form von Glenfiddich Master Blender Brian Kinsman. Und so kam eine Mehrzahl der Whiskys aus Ex-Bourbon-Fässern, dazu einige Sherry-Butts und ein Portwein-Fass. Brian Kinsman hat den während des Experiments entstandenen Whisky hinterher nachkonstruiert, da 20 Fässer natürlich unmöglich ausreichen, um den weltweiten Bedarf an Glenfiddich XX zu decken. Und ich gehe auch davon aus, dass er darauf geachtet hat, dass nicht zum Beispiel einfach zehn Malts mit 30 Jahren mit zehn 40-jährigen gemischt wurden, was ein ziemlich teurer Spaß für das Unternehmen geworden wäre. Mit 50-60 Euro pro Flasche ist der Glenfiddich XX in jedem Fall sehr bezahlbar – es ist aber eben auch nicht ganz klar, wie alt die enthaltenen Malts nun sind – es ist ein NAS-Whisky.

Rewrite the rule book – so bewirbt Glenfiddich die Experimental Series (Illustration: Purple Design)

Die Experimental Series von Glenfiddich soll Millennials für Whisky begeistern

Der Glenfiddich XX erscheint zusammen mit dem Glenfiddich IPA in der Experimental Series der Destillerie. Mit dieser sollen vor allem die Millennials angesprochen werden, also junge Männer der Jahrgänge 1980 bis 1999, die nun im perfekten Alter ist, um mit gutem Whisky anzufangen. Erkennbar ist dies zum einen am Verzicht auf ein Age Statement (frei nach der Prämisse: Der Geschmack soll gut sein, das Alter ist egal), zum anderen am modernen Flaschendesign, welches überaus elegant und wertig daherkommt.

Der charakteristische Hirschkopf darf nicht fehlen, wird aber mit Schwung in einem Kupferton auf den Flaschenhals gezeichnet und um einen Fingerabdruck ergänzt. Der Legende nach braucht man diesen Fingerabdruck, um in die hochgeheimen Warehouses von Glenfiddich zu gelangen…ne Quatsch, das habe ich mir gerade ausgedacht. Aber spannend wäre es schon zu wissen, wessen Fingerabdruck das eigentlich ist und was er zu bedeuten hat. In jedem Fall wirkt das Design der neuen Whiskys auf mich sehr wertig.

Ein anderer Ansatz als bei Whiskey Union

Die Glenfiddich Experimental Series verfolgt bei gleicher Zielgruppe dennoch einen anderen Ansatz als etwa die Whiskey Union von Diageo. Letztere weicht mit ihren Experimenten die Grenzen von Scotch Whisky ziemlich auf – man denke an den Boxing Hares, der Zucker und Hopfenaroma enthält oder an den Huxley, eine Mischung aus Scotch, Canadian und American Whiskey. Bei Glenfiddich ist trotz des Blendings der verschiedenen Whiskys weiterhin ein reinrassiger Scotch Single Malt Whisky in der Flasche, es wurde nichts hinzugefügt. Das erscheint mir der wesentlich schlüssigere Ansatz, denn wenn ich als Millennial einen Whisky trinken möchte, dann möchte ich natürlich eine sehr gute Qualität genießen und nicht irgendeine wilde Mischung aus verschiedenen Destillaten. Ein Age-Statement wäre natürlich noch schön gewesen, aber man kann halt nicht alles haben.

Dafür stehen die Gläser jetzt bereit und wir freuen uns auf:

Unsere Verkostung des Glenfiddich Project XX

Wie riecht er?

Ein weicher Einstieg mit Gras und Heu, dann folgen Blutorangen, Aprikosen, Datteln und Rosinen. Üppiger Honig und Walnüsse auf Quark mit frisch geröstetem Müsli. Dann gebrannte Mandeln und ein Hauch gebratene Banane. Eine feine Würzigkeit zieht sich durch den Geruch, wird mit der Zeit immer intensiver. Der Project XX vereint klassische Noten der Speyside in sich.

Wie schmeckt er?

Der neue Glenfiddich ist ausgesprochen weich, fast seidig vom Mundgefühl. Geschmacklich gehen Blutorangen und Orangenschalen mit Vanille und Karamell eine süß-herbe Affäre ein. (Die sollen sich mal nicht erwischen lassen, die frechen Früchtchen!) Rosinen treffen auf Haselnüsse. Ein bisschen wie Vollmilchschokolade Traube-Nuss, nur ohne den Rum. Der Abgang kitzelt etwas und offenbart harzige Einsprenkler, das Holz ist dezent präsent.

Auch bei diesem Whisky hat es sich gelohnt, nach dem Einschenken ins Nosing-Glas etwas mit der Verkostung zu warten. Vor allem die würzigen, trockenen und holzigen Noten, die den Abgang des Project XX prägen, kamen erst nach kurzer Wartezeit zum Vorschein.

Whisky-Duell Glenfiddich Project XX vs. Benromach 15 Jahre

Im direkten Vergleich fällt vor allem auf, wie rauchig der Benromach 15 Jahre ist. Während der Glenfiddich Project XX sich ganz auf die milden, fruchtigen Noten verlegt, feuert der Benromach 15 volles Rohr Rauch heraus. Darunter verbergen sich zumindest im Geruch ähnliche fruchtige Aromen, welche die Herkunft aus der Speyside klar belegen. Im Geschmack ist der Benromach deutlich ernster, mineralischer und damit auch unangepasster. Der Glenfiddich wird sicher mehr Leuten gefallen – was man gut und schlecht finden kann. Beides sind in jedem Fall auf ihre Weise gute Whiskys. Ergebnis: 1:1 nach Verlängerung.

Alkoblog.de Whisky-Test: Glenfiddich Project XX

Gestaltung
Geruch
Geschmack
Preis-Leistung

Fazit von Lukas: Ein neuer Whisky ohne Age Statement, dafür mit durchgestylter Verpackung und hipper Story. Ich gebe zu, ich war skeptisch. Doch was der Glenfiddich Project XX hier ausbreitet, ist allerfeinste Whiskybrennkunst. Die klassischen Stärken von Speyside-Malts (Früchte! Süße! Würzigkeit! Holz!) vereinen sich in der neuen Abfüllung, die mit 47 % auch genug Power ins Glas bringt, um die vielfältigen Aromen zu tragen. Ein NAS-Whisky, der dennoch nicht jung oder unreif wirkt. Wer Glenfiddich schon liebt, findet hier eine neue Variante - alle anderen die Chance, die Destillerie mit einem starken Whisky für sich zu entdecken. Ich persönlich hätte mir noch etwas Rauch in der Abfüllung gewünscht, aber das ist natürlich Geschmackssache...

4.2



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Über den Autor

Lukas

ist immer auf der Suche nach neuen Geschmackserlebnissen. Der Gründer des Alkoblogs liebt intensiven und abwechslungsreichen Whisky und Bourbon. Im Test stellt er aber auch andere Spirituosen wie Rum oder Gin auf die Probe. Und in der Bar darf es auch mal ein klassischer Cocktail sein.


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