Eigentlich lag Glen Moray gar nicht auf unserer Route. Die Destillerie befindet sich ganz im Norden der Speyside in der Kleinstadt Elgin. Hier hat man die frische Seebrise bereits in der Nase und kann den körnigen Sand fast schon zwischen den Zehen spüren – bis zu den malerischen Stränden rund um Lossiemouth sind es nur wenige Kilometer. Gut dass wir den Abstecher doch noch gemacht haben: Glen Moray ist ein echter Geheimtipp für Whisky-Genießer!

Eine Destillerie wie ein Landgut

Auf den ersten Blick ist Glen Moray recht unscheinbar. Die Destillerie wirkt fast ein bisschen so wie ein schottisches Landgut. Wir kommen direkt im offenen Innenhof an, um welchen sich das Stillhouse, die massiv wirkende Mälzerei und die Lagerhäuser gruppieren. Gerade fährt ein Truck mit Stahlträgern vor, Arbeiter in Schutzwesten laufen hin und her. Sofort ist klar: Hier wird ganz normal gearbeitet und keine Show für die Besucher abgezogen.

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Große Expansion bei Glen Moray

Es ist kaum zu übersehen: Am Rande des Destillerie-Geländes wird kräftig gebaut. Eine große Expansion ist geplant, wie unsere Führerin erklärt. So sollen die Kapazitäten von 3,37 Mio. Liter pro Jahr auf rund 9 Mio Liter pro Jahr wachsen. Die Destillerie wäre damit auf einen Schlag eine der größten in ganz Schottland! Auch zahlreiche mehrstöckige Warehouses sollen entstehen und die Whiskyproduktion von Glen Moray aufnehmen. Aktuell hat die Destillerie 90.000 Fässer, von denen einige jedoch in Bathgate lagern. In Zukunft sollen alle Whiskys zentral vor Ort aufbewahrt werden. Auch die Zahl der Mitarbeiter (jetzt 15) dürfte durch die Expansion wachsen.

Kleine Führungen für wenig Geld

Im kleinen Shop mit Café treffen wir unsere Führerin, eine junge Lettin, die uns freundlich begrüßt. Wir sind nur zu viert und so bekommen wir praktisch eine Privat-Tour. Nur 4 Euro kostet der etwas über 1,5-stündige Rundgang, im Vergleich zu anderen Brennereien sehr günstig. Die erste Überraschung: Wir dürfen überall fotografieren, mit Ausnahme der Malzmühle (hier besteht wohl Explosionsgefahr).

Doch zunächst folgt ein kurzer Exkurs in die Geschichte von Glen Moray. Die ist nicht besonders romantisch, aber spannend: Ursprünglich war Glen Moray nämlich eine Brauerei, gegründet im Jahr 1831. Etwas über 60 Jahre später entschied sich der damalige Eigentümer, es doch mal mit dem Whisky brennen zu versuchen. Die Brauerei wurde zur Brennerei umgebaut. Eine Zeit lang gehörte die Destillerie zu Glenmorangie, bevor 2008 der Verkauf an den französischen Spirituosen-Hersteller La Martiniquaise erfolgte.

In französischer Hand

Die Franzosen geben die Linie vor, nach der Glen Moray produziert: So gehen gut 60 % der Produktion in verschiedene Blends, welche in Deutschland aber kaum bekannt sind. Der LABEL 5 (laut eigener Aussage die Nummer 9 der meistverkauften Scotch Whiskys weltweit) besteht zu einem guten Teil aus Glen Moray-Whiskys. Die restlichen 40 % bietet die Destillerie als Single Malts an, welche besonders in Großbritannien eine große Fangemeinde haben.

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Vom Mahlen, Gähren und Brennen: Unsere Tour

Die sechs Meter hohen Malzsilos bilden die erste Station der Tour. Hier wird die gemälzte Gerste angeliefert und für kurze Zeit eingelagert, bevor sie in der Malzmühle zu feinem Grist (Schrot) zermahlen wird. Dieser besteht aus 70% Stärke, 20 % Schalenteilen und 10% Mehl . Von letzterem wird nur die Hälfte für die Produktion verwendet, weil die entstehende Masse sonst zu hart würde und die Maschinen blockieren könnte.

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In der Mash Tun wird in zwei Stufen heißes Wasser zum Grist gegeben, um die Zucker aus der gemälzten Gerste zu lösen. Die zuckrige Flüssigkeit landet dann im Washback, einem großen Gärbottich. Unter Zugabe von über 100 Litern Flüssighefe vergärt der Sud und wird zu einer Art Bier mit 8-9 % Alkohol.

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In zwei unterschiedlich geformten Brennblasen (Washstill und Spirit Still) wird das „Bier“ jetzt gebrannt. Erst zu so genanntem „Low Wine“ mit rund 28 % Alkohol und dann zu einem Destillat mit etwa 70 % Alkohol. Letzteres nennt man auch „New make“ oder „new spirit“, wie unsere Führerin erklärt.

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Dieser wird nun leicht mit Wasser verdünnt, sodass er rund 63 Prozent Alkohol hat und vor Ort ins Fass gefüllt. Die Abfüllstation erinnert etwas an eine Tankstelle. Man setzt einen Stutzen ans Fass und elektronisch gesteuert wird der junge Whisky ins Fass gefüllt. Pro Fass dauert das nur etwa eine bis anderthalb Minuten.

Paradies für Whiskytrinker: Die Warehouses

Wir dürfen uns ausführlich in einem der Lagerhäuser umschauen. Hier liegen rund 5.000 Fässer mit Whisky. Es gibt richtig alte Fässer aus den 1960er Jahren, Ex-Sherryfässer, Ex-Rumfässer, Ex-Weinfässer – alle befüllt mit Whisky. Ein echter Traum für Genießer.

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„Bis zu 90 % des Geschmacks eines Whiskys kommt durch die Fässer“, erklärt unsere Führerin. Bei Glen Moray wird viel mit verschiedenen Fassarten experimentiert. Wir riechen an probeweise Bourbon-, Portwein-, Rum- und Sherryfässern. Es sieht so aus, als wenn Glen Moray viel mit verschiedenen Finishings und Fässern experimentiert und auch kleine Mengen für spezielle Editionen herstellt. Von vielen Fassarten gibt es nur eine gute Handvoll im Lager.

Viele Whiskys von Glen Moray lagern aber auch in weit verbreiteten amerikanischen Ex-Bourbon-Fässern. Diese kommen direkt von Jack Daniels aus Tennessee. Sie werden entweder am Stück verschifft oder auseinandergenommen, flach verpackt und in der Speyside Cooperage wieder zusammengesetzt.

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Erstaunlich offen erklärt unsere Führerin, dass es auch mal Pannen gibt: Gerade letzte Woche habe man eine Lieferung von Fässern bekommen, die den Holzwurm hatten. Als Distiller steht man in diesem Fall vor der Wahl: Doch befüllen und einen späteren Bruch riskieren  oder teuer in der Speyside Cooperage reparieren lassen? Glen Moray bezieht alle seine Fässer über die renommierten Fassmacher in der Nähe der Dufftown.

Auch für die neuen Lagerhäuser hat Glen Moray im Zuge der Expansion große Pläne: Der Whisky soll nicht mehr wie jetzt nur drei oder vier Lagen hoch gestapelt werden, sondern viel höher. Dadurch verändert sich auch das Klima: Oben wird es wärmer als unten, für den Whisky ist das nicht unbedingt gut, da er unterschiedlich schnell und anders reift.

Wir haben genug erfahren und gehen zur Verkostung über, die völlig ohne Zeitdruck im Besucherzentrum stattfindet.

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Unser Tasting der Glen Moray-Whiskys

Glen Moray 12 Jahre

Jung und frisch riecht diese Abfüllung des Glen Moray. Die Aromen des New Spirit kommen noch deutlich durch. Zitrone und Apfel prägen den Geruch, der leicht spritig wirkt. Auch im Geschmack setzen sich diese Noten fort: Glen Moray 12 wirkt jung und unkompliziert, mit etwas Obst und Malz und einem Hauch Vanille. Sicher ein schöner Single Malt für Einsteiger!

Glen Moray 16 Jahre

Die Aromen des New Spirit sind komplett in den Geschmack des Whiskys überführt. Dunkle Früchte wie Pflaumen und Rosinen ergänzen sich zu einem weichen, schmeichelhaften und süßen Gesamtbild. Auf der Zunge macht dieser Whisky aus seinen 16 Jahren kein Geheimnis: Reif und voll erfreut er unseren Gaumen mit Rosinen und Trockenfrüchten. Auch das Eichenfass ist deutlich präsent. Ein wärmender starker Whisky mit eher langem Abgang.

Glen Moray Chardonnay Edition

Dieser 10 Jahre alte Malt durfte über die volle Zeit in ehemaligen Chardonnay-Fässern reifen. Das Ergebnis riecht jung und frisch nach Heu und Weißwein. Eine leicht zitronig-spritige Note wie beim Glen Moray 10 ist aber auch hier vorhanden. Der Geschmack ist erstaunlich voll und weich. Mild streichelt uns dieser Whisky mit einer sahnigen Cremigkeit. Neben etwas Wein sind karamellisierte Früchte zu schmecken.

Fazit

Für nur 4 Pfund erhielten wir die aus unserer Sicht beste Destillerie-Tour in der Speyside. Ehrlich und authentisch bekamen wir bei Glen Moray den Alltag der Whisky-Herstellung gezeigt. Auf Marketing-Blingbling wurde hier bewusst verzichtet, was die Führung fast schon zu einem Pflichttermin für alle Whisky-Liebhaber macht, die mehr über ihr Getränk erfahren möchten. Auch auf kritische Fragen wurde offen geantwortet ohne auszuweichen oder vom Thema abzulenken. Unsere Führerin nahm sich jede Menge Zeit für uns und bereicherte die Tour mit ihrer charmanten Art. Und selbst wenn sie einmal etwas nicht wusste, so zog sie stets einen Arbeiter hinzu, der dann auch auf Details eingehen konnte. Klasse!

Der Abstecher zu Glen Moray in Elgin lässt sich im übrigens prima mit einem Strandtag an der Küste verbinden – falls man nach dem Genuss der großzügig eingeschenkten Drams noch fahrtüchtig ist.

2 Kommentare

    1. Von den 5 Destillen, die ich dieses Jahr besucht habe, war das die Interessanteste . Es ist sehr selten, das man an die Fässer so nah ran kommt. Einmalig waren die die offenen Fässer an denen man riechen durfte.

      Die Trinkproben waren für das Geld schon mehr als Geschenk, manche Destillerie nimmt den doppelten Preis und man bekommt nur 1 Whisky am Schluss.

      Bleibt nur zu hoffen das es so bleibt, da 2015 wohl groß modernisiert werden soll.

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