Der Besuch der Bar bei Edradour lohnt. Wir haben dort den Ballechin Port probiert. (Foto: Alkoblog)

Manchmal kommt das Beste zum Schluss – in diesem Fall in Form von zwei extra bestellten Drams an der Bar der Edradour-Destillerie.

Edradour wird offensiv als „kleinste Destillerie Schottlands“ vermarktet. Und tatsächlich liegt die Jahresproduktion bei aktuell nur 100.000 Litern Whisky. Zum Vergleich: Eine Großdestillerie wie Glenfiddich schafft diese Menge in nur drei Tagen. Stattdessen wird viel Wirbel um und für die Besucher gemacht, von denen allein im letzten Jahr rund 75.000 der Destillerie einen Besuch abstatteten. Ganz schön viele für eine Brennerei, die auf den ersten Blick wie ein kleiner Bauernhof mitten auf dem Land wirkt.

Hastige Verkostung: Die Edradour Destillerie-Tour

Leider merkt man der Führung etwas an, dass hier viele Besucher pro Tag durchgeschleust werden. So ist die Verkostung der zwei Inklusiv-Drams (Edradour 10 Jahre und Edradour Tuscan Vine Casks) mit dem Anschauen eines Films verknüpft. Während der acht Minuten lange Werbestreifen über den Fernseher flimmert, soll man sich gleichzeitig auf den guten Whisky konzentrieren – eine denkbar ungünstige Situation für eine Verkostung. Immerhin darf man eines der Gläser, ein Glencairn Whiskyglas, als Souvenir mit nach Hause nehmen. Danach geht es schnell weiter, denn vor der Tür wartet schon die nächste Gruppe.

Führung mit kleinen Schwächen

Auch wirkte unsere Edradour-Tour insgesamt etwas unstrukturiert. So waren wir erst in der ehemaligen Mälzerei zur Verkostung, dann ging es ins Fasslager und anschließend wurden die Mash Tuns und Stills gezeigt und erklärt. Ich glaube nicht, dass alle Mitglieder unserer Tour am Ende wirklich verstanden haben, wie ein Whisky nun entsteht. Das war bei anderen Brennereien besser gelöst. Manche Sachverhalte waren auch stark vereinfacht: So erklärte unser Guide, dass das zermahlene Malz (der sogenannte Grist) aus groben und mittleren Teilen bestehe und sich am Boden des Behälters der Zucker absetze. Tatsächlich ist es aber eine Art stärkehaltiges Mehl, aus welchem im nächsten Schritt der Zucker erst extrahiert wird.

Sehenswerte Abläufe

Sieht man darüber hinweg, ist Edradour aber doch sehr sehenswert: Viele Schritte werden wirklich noch von Hand durchgeführt. Nur fünf Mitarbeiter (zwei in der Produktion, drei in Abfüllung/Lager) halten den Betrieb am Laufen. Ein Blick ins Warehouse zeigt uns, dass hier viel mit unterschiedlichen Fässern experimentiert wird. Ganze 27 Abfüllungen gibt es von Edradour wohl aktuell – viele davon in ehemaligen Weinfässern gelagert. Wer ein besonderes Finish sucht, wird hier vermutlich eher fündig als bei einer der großen Destillerien. Auch ein Blick in die hochmoderne Abfüllanlage quer über den Hof lohnt sich. Durch die Fenster kann man sehen, wie der frisch gebrannte Whisky in die Flasche kommt.

Unser Highlight: Die Bar bei Edradour

Mit dem Eintrittspreis von 7,50 Euro bekommt man aber auch Zugang zur Bar von Edradour, welche sich ebenfalls auf dem Gelände befindet. Hier kann man für 2,50 – 3,00 Euro pro 25 ml Dram verschiedenste Abfüllungen probieren. Auch ältere Whiskys anderer Destillerien werden zu fairen Preisen angeboten – Edradour gehört seit 2002 zum unabhängigen Abfüller Signatory und kann aus dessen Portfolio schöpfen. Ein unabhängiger Abfüller kauft ausgewählte Fässer an und lagert sie solange, bis sie „reif“ sind und dann ihren Weg in die Flasche finden.

Nach der etwas unentspannten Verkostung während der Tour hatten wir jetzt Lust auf ein richtiges Tasting und entschieden uns für den torfigen Malt „Ballechin“, der ebenfalls von Edradour hergestellt wird. Warum der andere Name? Die Markenstrategen hatten offenbar Angst, dass ein typischer Edradour-Trinker, der eher auf lieblich-fruchtige Whiskys steht, versehentlich eine torfige Abfüllung kauft. Deshalb benannte man die torfige Serie nach einer stillgelegten Farmdestillerie in der Nähe, der Ballechin war geboren.

Edradour Ballechin gibt es in den verschiedensten Fass-Ausführungen: Bourbon, Sauternes, Bordeaux, Marsala, Madeira oder Port stellen uns vor die Qual der Wahl. Welchen sollen wir nehmen? Der Barkeeper rät sofort zum Port: „You have to try this!“ – diese Empfehlung schlagen wir nicht aus und bestellen den Ballechin Bourbon und den Ballechin Port.

Unser Tasting des Edradour Ballechin Port

Ein guter Whisky braucht seine Zeit – das gilt nicht nur für die Lagerung im Fass, sondern auch für die Verkostung. Und so erging es uns auch mit dem Ballechin. Er schien seine Aromen fast von Minute zu Minute zu verändern und gewann sichtlich an Tiefe, je länger er mit der Luft in Verbindung war.

Wie riecht er?

Obwohl es sich um einen „heavily peated“ Whisky handelt, riecht der Ballechin Port zunächst kaum nach Rauch. Vergorene Früchte und eine frischer, säuerlicher Hauch von Rhabarber prägen das Bild. Die Schwere des Portweins scheint diesen Malt zu erden, gibt ihm einen soliden und angenehm unkonventionellen Geruch!

Wie schmeckt er?

Zunächst recht ungewohnt: Weiche süßliche Noten wechseln sich mit alten und reifen Tönen ab. Das Holzfass ist gut zu schmecken, gefolgt von Bohnerwachs. Wirklich ein sehr komplexer Whisky! Keine zwei Minuten später hat der Ballechin Port ein erdiges Aroma, schmeckt nach Humus und feuchter Erde. Und Früchte hat der Tausendsassa auch im Angebot: Aprikose und Mandarine versüßen uns den Tag, gefolgt von einer Honignote. Der Rauch prägt den markanten Abgang und bleibt lange im Mund zurück. Jetzt wollen wir es wissen und schließen den Ballechin Port mit ein paar Tropfen aus der Karaffe auf, die der Barkeeper uns gereicht hat. Und wieder überrascht uns dieser Whisky! Eine würzige schwefelige Note kreist durch unseren Mund, gefolgt von Karamell und gebrannter Mandel. Aus den Aprikosen ist eine reife Papaya geworden. Diesen Malt könnten wir noch Stunden weiter verkosten und immer wieder etwas Neues entdecken!

Whisky-Duell: Ballechin Bourbon vs. Ballechin Port

Deutlicher als beim Ballechin Port markiert der Rauch den Antritt dieses Whiskys. Doch beide Single Malts sind gleich stark mit 57ppm getorft! Ansonsten riechen wir fruchtige, süße und liebliche Noten mit etwas Vanille und Honig. Der Geschmack legt sich mit einer schweren Süße auf die Zunge, ein öliges und cremiges Mundgefühl ist die Folge. Im Abgang kommt noch mal der Rauch vorbei. Im Vergleich zum Port-Finish ist der Ballechin Bourbon im Test doch eine Spur geradliniger und weniger komplex. Der Rauch lässt wenig Platz für die milderen Aromen durch die Ex-Bourbon-Lagerung – im direkten Vergleich ist der Ballechin Port der klare Gewinner!

Edradour Ballechin Port
Gestaltung & Story76
Geruch83
Geschmack86
Preis-Leistung70
79
Fazit
So vielschichtig und aufregend kann ein Whisky sein! Der Ballechin Port zaubert nicht nur Rauch ins Glas, sondern überrascht uns mit Früchten, Holz und erdigen Aromen. Während des Tastings schmecken wir immer wieder neue Noten heraus - ein Malt der einfach nicht langweilig wird!

2 Kommentare

    1. Hallo Roland, danke für den Hinweis. Edradour gehört seit Juli 2002 dem unabhängigen Abfüller Signatory. Wir haben die Stelle im Text korrigiert.
      Viele Grüße,
      Lukas

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