„Irgendwo hier muss es doch sein…“ – mein Bruder und ich stapfen einen Feldweg durch grüne, sanft geschwungene Hügel entlang. Wir befinden uns rund 2 km vom liebevoll kitschigen Highland-Örtchen Pitlochry entfernt und das Wetter könnte für Schottland nicht besser sein. Strahlend blauer Himmel, ein paar Schäfchenwölkchen ziehen entlang – und wir auf der Suche nach der Edradour-Destillerie.

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Grüne Hügel rund um Edradour

Wir wissen natürlich wie eine Brennerei aussieht, ein großes häufig weiß verputztes Fabrikgebäude mit den typischen Kiln-Schornsteinen. Doch um uns herum sehen wir nur Bauernhöfe. Plötzlich überholt uns ein Touristenbus. Drin sitzen lauter heitere, ältere Männer. Wollen die etwa auch zu Edradour?

„Hinterher“, raunt mir mein Bruder zu und wir nehmen die Verfolgung auf. Und tatsächlich verbirgt sich in einem der Farmhouses entlang der Schotterpiste die angeblich kleinste Destillerie Schottlands: Edradour.

Edradour – nicht mehr lange Schottlands kleinste Destillerie

Diesen Titel wird Edradour nicht mehr lange verteidigen können. Denn mit Ballindoch, Daftmill, Kingsbarns, Strathearn entsteht gerade eine neue Generation schottischer Micro-Distilleries. Zum anderen baut auch Edradour gerade kräftig selbst aus: Statt 100.000 Litern Jahresproduktion sollen bald 200.000 Liter fließen. Dieselbe Anlage wird praktisch noch einmal daneben gebaut. Damit wäre man dann auf einen Schlag auch größer als Kilchoman auf Islay oder die im Bau befindliche Wolfburn-Brennerei in den nördlichen Highlands. Dennoch gibt man sich bei der Führung große Mühe, den kleinen Charakter und den großen Anteil an traditioneller Handarbeit während der Destillation zu betonen.

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Bunte Fässer, viele Sorten: Bei Edradour wird viel mit Finishes experimentiert

Großes Portfolio mit vielen Fass-Experimenten

Neben dem klassischen Edradour 10 Jahre findet man die rauchigen Ballechin-Whiskys und unzählige Sonderfass-Abfüllungen (z.B. in ehemaligen Port-, Sherry- oder verschiedenen Weinfässern) im Portfolio. Das macht die Range etwas unübersichtlich: So listet die Flaschen-Datenbank von Whisky.de aktuell nicht weniger als 242 Edradour-Whiskys auf.

Der Edradour 15 bringt als Standardabfüllung etwas Ruhe in den „Sauhaufen“ der Farm-Destille – wobei sich der Begriff ausdrücklich nicht auf die Qualität der Malts bezieht, die sind uns in exemplarischen Tastings durchaus positiv in Erinnerung geblieben. Für den 15-jährigen werden 80 % Sherryfässer und 20 % Bourbonfässer (beide First Fill) verwendet. Der Whisky wird nicht gefärbt.

Unser Tasting des Edradour 15 Jahre

Wie riecht er?

In der Nase ist der Edradour 15 intensiv mit vielen fruchtigen Anklängen. Der Sherry kommt schön heraus. Der Charakter dieses Malts ist von Trockenfrüchten wie Rosinen und Pflaumen aber auch Zitrone. Auch eine leichte Säuerlichkeit sowie Honig findet sich im Geruch.

Wie schmeckt er?

Auch der geschmackliche Antritt ist intensiv und trocken, was wohl aus der Sherryfass-Lagerung herrühren dürfte. Viel Holz, Rosine, Feige und Pfirsich sind schmeckbar. Weitere Früchte im Malt sind helle Früchte wie Weintrauben. Im Geschmack findet sich eine feine weinartige Säure wie von Orange und Grapefruit. Der Abgang ist mineralisch mit Honig.

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