Whisky

Veröffentlicht am 5. Juni 2017 | Dr. Bill Lumsden und Alkoblogger Lukas

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„Das Alter eines Whiskys ist für mich unwichtig“ – Ardbegs Master Distiller Dr. Bill Lumsden im Interview

Ich kenne Ardbegs Master Distiller noch keine fünf Minuten, da hat er mir schon erzählt, dass er nicht nur Whisky, sondern auch schnelle BMWs sammelt, außerdem deutsches Bier liebt und deshalb vor ein paar Jahren mal in der Nähe von Frankfurt in einem Getränkemarkt einkaufen war und sich seinen Bier-Großeinkauf nach Schottland hat schicken lassen.

Dr. Bill Lumsden erzählt diese Geschichten und Anekdoten einfach frei von der Leber weg. Sein markanter schottischer Akzent setzt sich dabei mühelos gegen das Stimmengewirr des Ardbeg Days durch, der um uns herum tobt. Diese Sprachgewandtheit und Lust am Erzählen erstaunt, denn auf den ersten Blick sieht Dr. Bill Lumsden eher wie ein leicht nerdiger Professor aus, der gerade noch im Labor an einer Superformel für den nächsten Whisky getüftelt hat.

Doch vielleicht liegt darin genau sein Geheimnis: Er experimentiert gerne – und er weiß, wie er das Ergebnis gut mit Worten verkaufen kann.

Dieser Mann spricht Whisky

Und er liebt sein Thema: Dr. Bill Lumsden spricht Whisky. Während sich die Marketing-Abteilung redlich bemüht, den Ardbeg Kelpie mit einem sagenhaften Wassergeist in Verbindung zu bringen, redet er lieber über die russischen Holzfässer, die dem Whisky sein verschwitztes, moschusartiges Aroma geben und lüftet zu Demonstrationszwecken sein Sakko. Willst du mal riechen?

An Selbstbewusstsein mangelt es ihm ganz gewiss nicht, wenn er im Laufe unseres Interviews etwa kühn behauptet, dass das Alter einer der unwichtigsten Faktoren für die Qualität eines Whiskys sei. Und doch scheint ihm der Erfolg recht zu geben, denn der neue Ardbeg Kelpie (natürlich ein NAS-Whisky) wurde in Berlin soeben stürmisch gefeiert und wird sich voraussichtlich sehr gut verkaufen.

Höchste Zeit also, dem Geheimnis der Ardbeg-Whiskys und seines Machers auf den Grund zu gehen.

Dr. Bill Lumsden präsentiert den Kelpie beim Ardbeg Day 2017 in Berlin (Foto: Alkoblog)

Dr. Bill Lumsden, sie haben gerade den Ardbeg Kelpie herausgebracht. Was hat es damit auf sich?

Die Geschichte des Ardbeg Kelpie reicht etwa 13 Jahre zurück. Ich bin ein großer Fan von Wein. Ich sammle Wein und ich liebe es, ihn zu trinken. Ich fand es spannend, dass viele Wein-Produzenten nicht mehr bereit waren, hohe Summen für französische Eichenholzfässer zu bezahlen. Sie suchten sich neue Quellen und erwarben Fässer in Jugoslawien, Ungarn und Russland. Ich dachte: Das ist interessant, wir sollten es auch ausprobieren. So sind wir bei den russischen Fässern gelandet!

Russische Fässer für Whisky? Davon höre ich zum ersten Mal.

Ja, die Barrels sind natürlich aus derselben Eichenholzart, also Quercus Robur oder Quercus Petraea, aber das Holz hat ein anderes Geschmacksprofil. Ursprünglich wollte ich nur zwei oder drei Fässer befüllen. Ich fand eine Fassmacherei namens Fanagoria in Krasnodar, die bereit war, mir diese russischen Fässer zu liefern. Aber als ich sagte, ich will drei Fässer, da lachten sie mich aus. Wer will denn so kleine Mengen kaufen? Also musste ich alles etwas größer planen. Am Ende habe ich rund 230 Russian Oak Barrels bestellt.

Das Holz für die Fässer wächst in der Republik Adygeja (autonome Region im Süden Russlands, Anm. d. Redaktion) am Schwarzen Meer und hat die beste Qualität. Es wird stark getoastet. Als ich die Russian Barrels vor ungefähr 11 Jahren bekam, war mir schon klar, dass ich sie für Ardbeg und nicht für Glenmorangie nehmen würde. Das Geschmacksprofil wäre für Glenmorangie einfach nicht passend gewesen. Ich füllte ich die Fässer also mit Ardbeg Spirit und ließ sie in Ruhe lagern.

Was passierte dann?

Vor gut zwei Jahren habe ich die Fässer erneut verkostet. Ich war schockiert! Der Geschmack war viel zu stark! Viel zu spicy, extrem viel Holzeinfluss im Whisky. Also habe ich den Whisky mit unserem klassischen 10 Jahre alten Ardbeg geblendet. Das Herzstück des Rezeptes, also ungefähr 45 % besteht aus diesem verrückten, schrägen Whisky aus den russischen Fässern. Und fertig war der Ardbeg Kelpie.

Hat das russische Eichenholz wirklich so einen starken Einfluss auf den Geschmack?

Oh ja, auf jeden Fall! Seit ich das Holz für Ardbeg-Whiskys verwendet habe, bin ich überrascht, dass die Leute es für Wein benutzen. Es ist sehr unterschiedlich zu klassischem französischen Eichenholz. Für Corryvrekan verwende ich französische Eichenholzfässer und kenne daher die Aromen, die ich daraus bekommen kann. Viel Schokolade, Nelken und Anis. Aber mit dem russichen Eichenholz kriege ich viel mehr fleischige Noten, teilweise ist der Whisky im Aroma richtig verschwitzt und moschusartig. Der Ardbeg Kelpie erinnert mich an den Geruch unter den Ärmeln meines Jackets (lüftet einen Ärmel hoch). Riech mal hier, das ist eine richtig pikante Note! (er lacht)

„Dieser Whisky riecht wie meine Achselhöhle“ – Dr. Bill Lumsden lüftet alle Geheimnisse (Foto: Alkoblog)

Wie viele Flaschen Kelpie gibt es?

Es handelt sich um eine limitierte Auflage. Wir haben nur 60.000 Flaschen abgefüllt.

60.000 Flaschen. Das ist ja doch eine ganze Menge.

Ja, das ist für uns die Herausforderung. Wir möchten einerseits einen limitierten Whisky herausbringen, aber andererseits sollen auch möglichst viele Ardbeg-Fans auf der ganzen Welt etwas davon haben. In früheren Jahren haben wir für das Feis Ile Festival nur ein Fass abgefüllt, du konntest es nur vor Ort in der Destillerie kaufen. Viele treue Ardbeg-Fans waren erbost, da sie den Whisky nicht in die Finger bekommen konnten. Darum mache ich die neuen Abfüllungen ein klein wenig besser verfügbar. Der Kelpie ist immer noch limitiert und ich bin sicher, dass dieser Whisky in Kürze ausverkauft sein wird. Ein Freund von mir investiert professionell in Whisky. Er sagt immer, jede Auflage von weniger als 100.000 Flaschen ist es wert, gesammelt zu werden.

Ist denn noch Whisky aus den Russian Oak Casks übrig?

Ja, ich habe nicht allen Whisky für den Kelpie gebraucht. Ich überlege noch, was ich mit dem Rest mache. Vielleicht nehme ich ihn ins Rezept für meinen nächsten Whisky, den Ardbeg An Oa. Er wird noch im Laufe dieses Jahres herauskommen.

Mit welcher Holzart würden sie gerne mal experimentieren?

Es muss natürlich Eichenholz sein. Ich will nicht zuviel verraten, aber ich bin gerade an einer ganz besonderen Variante dran. Ich versuche bereits seit fast 20 Jahren an diese Holzart heranzukommen. Es wäre zwar nicht das erste Mal, dass dieses Holz in Schottland verwendet wird, aber es wäre das erste Mal, dass ich es für einen meiner Whiskys verwenden kann. Ich bin nicht besonders überzeugt von den Ergebnissen, welche meine Master Distiller-Kollegen mit dieser Holzart erreicht haben. Aber ich werde es hinkriegen!

Sie spannen uns ganz schön auf die Folter. Über welches Holz reden wir hier?

Ich werde es nicht verraten. Aber wenn du dieses Holz überreicht bekommst, wäre die korrekte Antwort „Arigatou gozaimasu“.

Oh, das ist Japanisch! Wollen sie etwa das seltene Mizunara Oak verwenden?

(lacht) Das darf ich offiziell weder bestätigen noch verneinen…

Klingt ganz so, als ob sie immer einige Whiskys in der Pipeline haben. Wie viele Jahre planen sie im voraus?

Der einzige Weg um einen konstanten Fluss an neuen Produkten zu haben, ist viel zu experimentieren und auszuprobieren. Bevor ich 1998 zu Ardbeg kam, war ich Distillery Manager von Glenmorangie und natürlich fing ich sofort mit dem Experimentieren an. Ich habe alle möglichen Arten von Fässern mit Whisky gefüllt. Nur mit einem konstanten Strom an Experimenten hast du die Möglichkeit, immer neue Whiskys herauszubringen. Natürlich funktioniert nicht alles gleich gut, nicht jedes Experiment kommt in die Flasche.

Für die Finishes von Glenmorangie plane ich zwei bis drei Jahre im voraus. Für Ardbeg sind es hingegen eher zehn Jahre in die Zukunft. Natürlich habe ich eine langjährige Erfahrung. Ich mache Whisky seit 30 Jahren. Jedes Jahr starte ich zwei bis drei neue Experimente. Und in acht, neun, zehn oder elf Jahren wird hoffentlich eines davon erfolgreich sein.

Lassen Sie uns über das Alter des Whiskys reden. Einige Destillerien wie Bowmore kehren gerade zu den klassischen Age Statements zurück. Wird es diese Kehrtwende auch bei Ardbeg geben?

Wir waren die ersten, die einen Non-Age-Statement-Whisky herausgebracht haben. Als wir den Ardbeg Uigedaeil im Jahr 2002/2003 veröffentlicht haben, hat praktisch niemand nach dem Alter gefragt. Keinen hat es gekümmert. Alle waren nur am Geschmacksprofil interessiert. Ich glaube fest daran, dass das Alter eines Whiskys nicht der wichtigste Faktor ist. Natürlich wird es den Ardbeg 10 Jahre weiterhin geben, bei Glenmorangie den 10-jährigen, 12-jährigen, 18-jährigen.

Über das Alter eines Whiskys denke ich nicht groß nach. Neben der Sorte der gemälzten Gerste, der Art und Stärke des Torfes, der Größe und Form der Brennblasen und der Art des Fasses ist das Alter ist einer der unwichtigsten Faktoren, wenn es um die Qualität eines Whiskys geht.

Das Alter des Whiskys ist unwichtig?

Ja, davon bin ich fest überzeugt. Ich habe eine Menge alter Whiskys probiert, die einfach nur furchtbar geschmeckt haben. Und ich habe viele junge Whiskys probiert, die einfach großartig waren. Da wäre zum Beispiel der Lagavulin 8 Jahre. Ich liebe ihn! Auch der 8-jährige Talisker ist eine tolle Abfüllung.

Gilt das nur für torfige Whiskys oder allgemein?

Nein, ich denke das gilt sogar noch mehr für Whiskys vom Schlag eines Glenmorangie. Zu viel Alter ruiniert so einen Whisky.

Im Moment diskutiert die Whisky-Szene viel über Transparenz. Bruichladdich hat zum Feis Ile 2017 eine „Transparency“-Abfüllung herausgebracht, deren genaue Zusammensetzung aus verschiedenen Fässern sich online abrufen lässt. Was halten sie davon?

Ich glaube nicht, dass uns das voranbringt. Wenn man den Inhalt eines Vattings verrät, nimmt man dem Whisky ein bisschen etwas von seinem Mysterium. Ab und zu fragen mich die Kollegen aus dem Marketing auch: Bill, bitte gib uns das genaue Rezept des Whiskys. Ich sage dann: Oh, fuck off! Das Rezept ist meine Sache! Wir sind doch nicht bei McDonald’s, wo ich jeden Burger in seine Bestandteile zerlegen kann.

Bei Bruichladdich mögen sie das anders sehen, aber ich denke, dass ein Master Distiller oder Blender die Flexibilität braucht, um das Rezept eines Whiskys anzupassen. Solange ich dabei das bestmögliche Geschmacksprofil erreiche, ist doch alles in Ordnung.

Es geht beim Whisky also nicht nur um den Inhalt, sondern auch um eine Geschichte. Welche Story erzählen Sie mit Ardbeg?

Obwohl Ardbeg eine turbulente Historie hat, gibt es uns noch immer. Wir produzieren unseren Whisky immer noch im old-fashioned Style mit einem sehr hohen Torfgehalt. Das macht für mich Ardbeg aus.

Zum Abschluss eine ganz einfache Frage: Welches war ihr erster Whisky?

Als Teenager habe ich mal Stuarts Cream of the Barley getrunken. Das endete natürlich in Tränen, es war ganz furchtbar. Als ich 24 Jahre alt war, in Sachen Whisky war ich eher ein Spätzünder, probierte ich dann Glenmorangie 10 Jahre. Ich dachte: Wow, der ist weich und komplex und interessant. So kann Whisky also auch schmecken.

Als nächstes habe ich Balvenie 10 Jahre probiert. Und als drittes gleich Lagavulin 12 Jahre. Was für ein Schock! Danach habe ich zehn Jahre gebraucht, um wieder zu den Islay-Whiskys zurückzufinden. Und siehe da, hier bin ich!


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One Response to „Das Alter eines Whiskys ist für mich unwichtig“ – Ardbegs Master Distiller Dr. Bill Lumsden im Interview

  1. Peter says:

    An dem Tag an dem ich einen Whisky ohne Altersangabe kaufe geht die Welt unter. Soll er mal selber sein Zeug trinken. Und sicher gibt es Leute die auch schlechten Alkohol vertragen. Gut für ihn, ich bekomme von so etwas zügig einen Kopf.

    VG

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Über den Autor

Lukas

ist immer auf der Suche nach neuen Geschmackserlebnissen. Der Gründer des Alkoblogs liebt intensiven und abwechslungsreichen Whisky und Bourbon. Im Test stellt er aber auch andere Spirituosen wie Rum oder Gin auf die Probe. Und in der Bar darf es auch mal ein klassischer Cocktail sein.


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