Rohre, Rost, robuster Whisky: Craigellachie aus der Speyside

Bereits seit 1891 wird bei Craigellachie in der Speyside ein ganz besonderer Whisky gebrannt. Der schottische Whisky-Pionier Peter Mackie, Besitzer von Lagavulin auf Islay und Erfinder des White Horse Blends, gründete die Destillerie am Zusammenfluss von Fiddich und Spey an verkehrsgünstiger Stelle. Er drückte der Brennerei seinen Stempel auf und gab dem Whisky einen einzigartigen Charakter, der bis heute beibehalten wurde.

Wenn eine Destillerie allzu blank poliert und zurechtgemacht aussieht, dann ist Skepsis angebracht. Denn wo gearbeitet wird, da ist keine Zeit, um ständig mit dem Polierlappen die Pot Still auf Hochglanz zu bringen. Da hat keiner Zeit, die schönsten Fässer frisch lackiert nach vorne zu rücken. Da gibt es alte Schalter und Rohre, Rost und Ölflecken – und trotzdem kommt am Ende ein verdammt guter Whisky heraus.

Der traditionelle Kiln-Schornstein von Craigellachie als Spiegelung (Foto: Hersteller)
Der traditionelle Kiln-Schornstein von Craigellachie als Spiegelung (Foto: Hersteller)

Zeit für eine neue Destillerie-Ästhetik

Die Herstellung von Whisky ist eine Industrie. Warum also nicht den Mut haben, das auch so zu zeigen? Für mich hat eine große Produktionsanlage mit ihren Gängen aus Beton, ihren Treppen und Ebenen aus Stahl und der unüberschaubaren Zahl an Rohren, Leitungen und Kabeln einen viel authentischeren Charme als eine herausgeputzte Show-Destille, auf der nur dreimal im Jahr irgendeine Sonderabfüllung gebrannt wird.

Hat er die ganzen Fässer aufgestapelt? Ein Arbeiter von Craigellachie (Foto: Hersteller)
Hat er die ganzen Fässer aufgestapelt? Ein Arbeiter von Craigellachie (Foto: Hersteller)

Bei Craigellachie hat man den Mut gefunden, die unweit des River Spey gelegene Destillerie in genau diesem ehrlichen, etwas raubeinigen Licht zu zeigen. Schon in der Ästhetik hebt man sich so deutlich von anderen schottischen Brennereien ab – und umgibt sich mit einem Charme, der an die Zeit der industriellen Revolution erinnert. Mich spricht das spontan deutlich mehr an, als die Hochglanzfotos anderer Hersteller. Und es macht mich neugierig, ob sich die kantige, unangepasste Optik auch im Geschmack der Craigellachie-Whiskys wiederfindet.

Über den Worm Tubs kann man auf einem Metallsteg entlanggehen (Foto: Hersteller)
Über den Worm Tubs kann man auf einem Metallsteg entlanggehen (Foto: Hersteller)

Craigellachie schlägt im Herzen vieler Scotch Blends

Obwohl es Craigellachie schon seit 1891 gibt, ist der Name nicht allen Whisky-Genießern ein Begriff. Das mag daran liegen, dass man viele Jahre vor allem Malt Whiskys für Blends produziert hat. Der legendäre White Horse Scotch Blend hatte mehrere Jahrzehnte lang Whiskys von Craigellachie als Hauptzutat. Seit 1998 gehört Craigellachie genau wie Dewar & Sons zu Bacardi. Und so verwundert es kaum, dass in Craigellachie heute viele Liter Malts für Dewar’s White Label und Dewar’s 12 Jahre aus den Brennblasen fließen. Das ist immerhin einer der zehn meistverkauften Scotch Blends der Welt, in den USA sogar die Nr. 1 in dieser Kategorie.

Die bauchigen Stills stammen aus dem Jahr 1964 und unterstützen den schweren Whisky-Stil von Craigellachie (Foto: Hersteller)
Die bauchigen Stills stammen aus dem Jahr 1964 und unterstützen den schweren Whisky-Stil von Craigellachie (Foto: Hersteller)

Was macht die Whiskys von Craigellachie so besonders?

Das erklärte Ziel von Craigellachie ist es, einen Whisky mit eher schwerem Charakter zu brennen. Das ist eher ungewöhnlich, setzen viele Nachbarn in der Speyside doch eher auf blumige und fruchtige Malts.

So wird für Craigellachie nur Gerste verwendet, die in der Mälzerei von Glenesk in einem ganz bestimmten Kiln gedarrt wurde. Hierzu wird ein Ölfeuer verwendet, welches für mehr Schwefel sorgen soll.

Die Worm Tubs verlaufen durch ein Wasserbecken und kühlen den New Make auf althergebrachte Weise (Foto: Hersteller)
Die Worm Tubs verlaufen durch ein Wasserbecken und kühlen den New Make auf althergebrachte Weise (Foto: Hersteller)

Auch die bauchigen, nicht allzu hohen Brennblasen unterstützen den schweren Whisky-Stil. Zwei Paare aus Wash Still und Spirit Still gehören zum Inventar. Mit 21 Maischevorgängen pro Woche kommt man auf 4,1 Millionen Liter Alkohol pro Jahr. Damit gehört Craigellachie zu den mittelgroßen Destillerien in Schottland.

Nach der Destillation wird der New Make in so genannten Worm Tubs heruntergekühlt. Bei diesem alten Verfahren verlaufen Kupferrohre durch ein Wasserbecken. Anders als bei modernen Spirit Condensers gibt es so laut Craigellachie wohl weniger Kupferkontakt mit der Spirituose – auch dies hält den Schwefelgehalt des Malts hoch. Das Ergebnis soll ein Whisky sein, der sich durch besagten schweren Charakter und schweflige Noten auszeichnet.

Dampf steigt aus dem Kühlbecken empor - kein ganz alltäglicher Anblick in einer schottischen Brennerei (Foto: Hersteller)
Dampf steigt aus dem Kühlbecken empor – kein ganz alltäglicher Anblick in einer schottischen Brennerei (Foto: Hersteller)

Die Single Malts von Craigellachie

Beim ersten Blick auf die Abfüllungen erstaunen vor allem die Altersangaben der Single Malts. Wo anderswo häufig ein 10 Jahre oder 12 Jahre Whisky den Einstieg bildet, gefolgt von einem 15 und 18 Jahre alten Malt, sind es bei Craigellachie ausnahmslos ungerade Jahreszahlen. Das mag ein Schachzug des Marketings sein, um für mehr Aufmerksamkeit zu sorgen. Vielleicht liegt es aber auch am Charakter von Craigellachie selbst, das gerade Whiskys mit diesem Alter als die besten für eine Abfüllung auserkoren wurden.

Craigellachie 13 Jahre Single Malt Whisky (Foto: Hersteller)

Craigellachie 13 Jahre

Der jüngste Craigellachie soll an eine Nacht am Lagerfeuer erinnern: Das Aroma von gerösteten Marshmallows trifft dabei laut den offiziellen Tasting Notes auf gebackene Äpfeln mit Nelken. Im Hintergrund zieht ein feiner Hauch Schießpulver („the tang of cordite„) vorbei.

Craigellachie 17 Jahre Single Malt Whisky (Foto: Hersteller)

Craigellachie 17 Jahre

Vier Jahre mehr im Fass sind eine lange Zeit. Der Craigellachie 17 lockt laut Tasting Notes mit Vanille, exotischen Früchten und einem Hauch rauchiger Lakritze. Er ist mild, weich und seidig im Charakter.

Craigellachie 19 Jahre Single Malt Whisky (Foto: Hersteller)

Craigellachie 19 Jahre

Das intensive Aroma von Ananas in Sirup, dazu pfeffrig und voll im Geschmack, mit verlockend rauchigem Abgang – dies sind laut Beipackzettel die Markenzeichen des Craigellachie 19 Jahre.

Craigellachie 23 Jahre Single Malt Whisky (Foto: Hersteller)

Craigellachie 23 Jahre im Kurz-Tasting

Wir werden den Craigellachie 23 Jahre in Kürze noch ausführlich verkosten, wollen euch an dieser Stelle aber nicht unsere ersten Eindrücke vorenthalten.

Aus dem Nosing-Glas steigt uns ein intensiv süßer Duft in die Nase. Der 23-jährige Craigellachie riecht nach Dosen-Pfirsich und in Sirup eingelegter Ananas, dazu überreife Orangen. Die exotischen Früchte nehmen viel Raum ein, prägen breit und üppig den weichen Mittelteil. Hinten wird der Malt würziger, eine Spur Holz und Gewürze (Zimt? Kardamom?) ist zu erkennen.

Auch im Mund überrascht der Craigellachie 23. Er ist so weich und tropisch-fruchtig, dass man ihn bei einem flüchtigen Tasting fast für einen reifen Rum halten könnte. Und das bei einem Alkoholgehalt von 46 %! Ich schmecke Pfirsich, Mango, Ananas – die Aromen liegen dicht beieinander und es fällt schwer eine Frucht zu isolieren. Ein reifer tropischer Fruchtbrei. Insgesamt auch für einen Speyside-Whisky relativ süß. Der Abgang ist vom feinen Rauch eines Lagerfeuers und einer gewürzartigen Schärfe geprägt – beides fängt den Craigellachie 23 hinten auf und verleiht ihm Struktur. Ein spannender Whisky, der zu weiteren Erkundungen einlädt!

Craigellachie 31 Jahre Single Malt Whisky (Foto: Hersteller)

Craigellachie 31 Jahre im Kurz-Tasting

Das Meisterstück von Craigellachie kommt in natürlicher Fassstärke mit 52,2 % Alkoholgehalt in die Flasche. Das lässt Kennern genügend Raum, um den Single Malt auf eigene Faust mit einer Pipette klaren Wassers auf die gewünschte Genussstärke zu bringen.

Der Craigellachie 31 wurde 2017 bei den World Whisky Awards als weltbester Single Malt ausgezeichnet. Nun kann man von diesen Preisen ja halten was man will, in jedem Fall hat es dazu beigetragen, die ohnehin schon stark limitierten Flaschen dieses Whiskys noch weiter zu verknappen. Aktuell ist der Craigellachie 31 Jahre praktisch ausverkauft. Ist dieser Hype berechtigt?

Der Geruch des Craigellachie 31 wirkt sehr elegant. Die ausgeprägt üppige Süße des 23-jährigen ist einer fein ausbalancierten Struktur gewichen. Ich rieche Birnenschalen, Honigbonbons, eine Spur von Ahornsirup auf Pancakes. Die tropischen Früchte sind in dezenterer Form auch hier vorhanden, sie werden vom Craigellachie 31 mit Griesbrei auf einem Holztablett serviert. Überhaupt das Holz: Es bildet das Rückgrat dieses Malts und gibt ihm mit einer Spur Zigarrenkiste eine fein würzige Struktur.

Der Beginn des Geschmackstastings ist mit süßer Fruchtigkeit vielleicht noch so zu erwarten gewesen. Er geht dann jedoch unverzüglich in eine frische, kräuterige Würzigkeit über. Wow! Noch mal langsam. Zum Nachschmecken. Vorne habe ich ganz kurz den für Craigellachie so typischen exotischen Obstsalat auf der Zunge. Dann folgt ein Ritt durch einen Kräutergarten mit Melisse, Menthol, frischer Minze und sogar Hopfen, die am hölzernen Gartenzaun endet. Der Abgang ist nicht das Spektakuläre, es ist diese Sequenz im Garten, die mit ihren ungewöhnlichen Aromen den Craigellachie 31 Jahre zu etwas ganz Besonderem machen. Es ist ohne Zweifel ein einzigartiger Single Malt aus einer der interessantesten Destillerien der Speyside.

   Mehr Infos zur Craigellachie-Destillerie…

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