Herbstwind: Benromach 10 Jahre 100 Proof im Test

Es gibt sie noch die kleinen unabhängigen Destillerien, die noch nicht von internationalen Großkonzernen aufgekauft wurden und das ist auch gut so. Die „kleine“ Speyside-Destillerie Benromach an der Küste von Schottland ist so ein erfreuliches Beispiel. Durch zahlreiche Destillerietouren gestählt wissen wir selbstverständlich auch, dass bei aller Liebe zum Whisky selbst bei den kleinen Abfüllern letztendlich natürlich der Ertrag stimmen muss. Klar auch, dass nicht jede schöne Marketing-Story wahr ist.

Aber wenn man sich durch die auffallend schön gestaltete Geschichte von Benromach klickt, wird man fast schwach und möchte doch an die traditionelle, ehrliche und schöne Whiskyproduktion glauben. Und tatsächlich verspüre ich große Lust bei der nächsten Gelegenheit tatsächlich mal in Forres vorbei zu schauen und mir einen eigenen Eindruck von der Benromach-Destillerie zu verschaffen.

100 Proof oder Cask Strength – was ist der Unterschied?

Dieser Benromach wird in erhöhter Stärke abgefüllt. Zum Vergleich: Der normale Benromach 10 Jahre kommt mit 43 % in die Flasche, der 100 Proof hingegen mit 57 % Alkoholgehalt. Dies sollte sich auch im Geschmack deutlich niederschlagen. Nicht zu verwechseln sind 100 Proof Abfüllungen mit Cask Strength-Whiskys. Diese enthalten unverdünnten Whisky in originaler Fassstärke.

Eine kurze Geschichte der Proof-Einheiten

Die Bezeichnung 100 Proof war in früheren Zeiten die gängige Maßeinheit für den Alkoholgehalt von Spirituosen. Sie hat ihren Ursprung in der britischen Seefahrt, wo den tapferen Matrosen eine tägliche Ration Rum zustand, was wahrscheinlich auch für Stimmung und Moral der Crew entscheidend war. Um sicherzustellen, dass die Rationen der arglosen Seefahrer nicht heimlich verdünnt ausgeschenkt wurden (oho!), entstand ein simpler Test. Ein Becher Rum wurde zur Probe mit etwas Schießpulver versetzt und anschließend angezündet. Gelang dies, war der Rum in Ordnung, enthielt genügend Alkohol und war folglich 100 Proof. Wenn nicht? War wahrscheinlich die Meuterei schon im Gange…

Nach der Erfindung von etwas ausgefeilteren Messmethoden wie dem Hydrometer fand man heraus, dass die Mischung Schießpulver/Rum ab einem Alkoholgehalt von 57,15% brennbar ist. Eine Abfüllung mit 100 Proof sollte also einen Alkoholgehalt zwischen 57,1 bis 57,2% aufweisen und in Verbindung mit Schießpulver brennen.

Wichtiger regionaler Unterschied: In Amerika ist die Umrechnungsformel 1/2. So bedeuten 100 Proof auf einer amerikanischen Spirituosenflasche also 50 % Alkoholgehalt.

In Ermangelung von Schießpulver muss ein klärender Test und eine mögliche Meuterei heute leider entfallen. Nicht entfallen muss hingegen das Tasting, also Aye, Aye und los gehts!

Unser Tasting des Benromach 10 Jahre 100 Proof

Wie riecht er?

Mit viel Wucht erhebt sich ein kräftiges Aroma aus dem Tasting-Glas, tief und streng im Geruch. Ein intensives Sherry-Aroma entfaltet sich, dann etwas fruchtiger mit selbstgemachtem Apfelmus und Vanille. Es folgt ein leicht vergorenes Aroma wie von Apfelwein. Anschließend malzig und leicht rauchig mit Anklängen an Menthol und erdig salzigem Torf, fast modrig. Mit diesem Whisky bekommt man im Winter bestimmt auch die Nase frei.

Wie schmeckt er?

Sehr kräftig, wuchtig und öliger Konsistenz überschwemmt einen dieser Whisky förmlich wie eine kräftige Bugwelle, gut festhalten. Nach dem ersten Schluck erst mal gut durchpusten. Pfeffrig, mit intensivem trockenen Sherry, sehr schwer liegt der Whisky im Mund wie ein alter Schleppkahn, etwas bittere Orangenschale, grüner Pfeffer, im Hintergrund Erd- und Himbeere, im Abgang schwer rauchig mit dunklem Kakao- und Schokoladengeschmack sowie Salz. Sehr gefällig, wenn man sich an die anfängliche Wucht des Whiskys gewöhnt hat.

Benromach 100 Proof mit ein paar Tropfen Wasser

Bei einem Whisky mit dieser Wucht kann es sich durchaus lohnen ein paar Tropfen Wasser in das Tasting-Glas zu geben. Erfahrungsgemäß werden die Aromen dann breiter, oft sind auch noch ganz andere Nuancen in der Spirituose zu entdecken. So auch bei diesem Benromach. Der Sturm der Volumenprozent flacht ab, hinter den 57% verbirgt sich ein fast zarter salzig erdiger Geruch. Wächsern mit Anflügen von süßem Honig und getrockneter reifer Banane. Auch im Geschmack jetzt salziger und erdiger. Etwas fruchtiger mit Erd- und schwarzer Johannisbeere sowie jetzt milderer Schokoladennote. Mit Wasser durchaus interessant, mir persönlich gefällt die Wucht allerdings sogar noch besser.

Mein Tipp: Am besten selber ausprobieren. Dabei kann auch mit unterschiedlichen Wassermengen experimentiert werden.

Der Vergleich zum „normalen“ Benromach 10 Jahre

Was machen 14 Volumenprozent weniger aus? Tatsächlich ziemlich viel. Wo der Benromach 100 Proof mit seiner Wucht prahlt, ist die Abfüllung mit 43% viel subtiler und stellt deutlicher die Fruchtaromen in den Vordergrund. Ich schmecke Erdbeeren, Äpfel und Vanilleschoten, sowie dunkle Johannisbeeren und Weintrauben. Ansonsten ist der Whisky mehr auf der röstigen getreidigen Seite mit angenehmem Rauchfinish. Im Geschmack fehlt die überwältigende Wucht des 100 Proof, der Whisky ist viel leichter und milder.

Wo der Benromach 100 Proof ein wilder Sturm ist, ist der normale Benromach 10 Jahre eine warme Sommerbrise.    Spannend zu sehen, wie unterschiedlich ein Whisky in unterschiedlichen Stärken schmecken kann. Wahrscheinlich versteht man den 100 Proof noch besser, wenn man auch den normalen Benromach 10 Jahre probiert. Ein direkter Vergleich macht jedenfalls viel Spaß.

Benromach 10 Jahre 100 Proof
Gestaltung & Story90
Geruch82
Geschmack90
Preis-Leistung86
88
Geheimtipp
Fazit
Ein Whisky wie ein Herbststurm an der See. Der sonst so milde Speysider von Benromach zeigt sich als 100 Proof in ganz anderem Gewand. Mit kräftigen Aromen und Pfeffer lässt er einen nach dem ersten Schluck erst mal ordentlich durchpusten. Doch hinter der harten Schale stecken eine Vielzahl an Fruchtaromen, die man spätestens mit etwas Zugabe von Wasser entdeckt. Eine exquisite Variante des normalen Benromach 10 Jahre. Der Preis von 60 Euro für die Flasche ist noch fair.

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